Schreibschrank

Objektdaten


Archiv Nr.:
SEMZ1835
Objekt:
Schreibschrank
Entstehungszeit:
ca.1835
2.Drittel des 19. Jahrhunderts
Zuordnung (regional):
Mainz
laut Signaturzettel, der in die oberste der drei Korpusschubladen eingeklebt ist. Auf diesem nur noch z.T. lesbaren Zettel ist schwach ein Vorname, vermutlich "Michael" erkennbar. Weiterhin wird die Margaretengasse 20 angegeben.
Materialien:
Konstruktionsholz
Eiche, Kiefer
Furnier
Ahorn, Mahagoni, Nussbaum, Nusswurzelmaser
Zugknöpfe
Bein
Spiegel
Maße:
1663 mm (H) x 1074 mm (B) x 503 mm (T) 

Restaurierungsmaßnahmen

 

Anmerkungen

Das Mainzer Tischlerhandwerk
Die hervorragende Qualität der Mainzer Möbel besonders für das 18. Jahrhundert ist bekannt. Bis Ende des 18. Jahrhunderts war Mainz Sitz des Kurfürsten. Daraus ergab sich, dass die Möbelherstellung auf eine wohlhabende und gebildete Käuferschicht ausgerichtet war. Indiz für das hohe Niveau der handwerklichen Ausbildung sind 106 erhaltene Meisterrisse aus der Zeit von 1676-1816, die einen Eindruck vom handwerklichen Können vermitteln, und die Tatsache, dass es schon 1775 zur Gründung einer Bau- und Zeichenakademie kam. 1792 kam es zur Besetzung von Mainz und 1797 schließlich zur Machtübernahme durch die Franzosen. Der Adel, begüterte Familien und Handwerker wanderten ab, die Zünfte wurden abgeschafft und die Gewerbefreiheit wurde eingeführt. Somit entfiel der lange Vorgang der Meisterprüfung samt der Herstellung eines Meisterstückes. Angelockt durch die Aufhebung des Zunftzwanges kam es zu einem großen Andrang von Handwerkern.
Doch auch für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt es Nachweise, dass es weiterhin eine beachtliche Möbelproduktion gegeben hat, in der großer Wert auf eine hochwertige Herstellung gelegt wurde. Nach den Befreiungskriegen fiel Mainz 1814 wieder an Deutschland zurück und somit kehrte nach und nach auch wieder eine zahlungskräftige und anspruchsvolle Käuferschicht zurück, was durch den Aufenthalt der Bundestruppen und ihrer adeligen Gouverneure bedingt war. Weiterhin fördernd für den Absatz von hochwertigen Möbeln waren die sich allmählich stabilisierende politische Lage, die Gewerbefreiheit, die liberalen Handelsgesetze, verbesserte Verkehrswege, die frühzeitige Aufhebung der Zölle und damit auch ein großes Angebot unterschiedlicher Holzarten. 1815 wurde wieder eine Meisterprüfungskommission gegründet. Die Anzahl der Schreiner pendelte sich auf ein marktverträgliches Maß ein und bis zum Ende der 1830er Jahre stellte das Schreinergewerbe mit unter anderem sieben Großbetrieben den größten Produktionszweig der Stadt. Es wurden hier jedoch keine Serienprodukte hergestellt, sondern man blieb weiterhin bei der traditionellen, handwerklichen Möbeleinzelanfertigung. Innerhalb der Großbetriebe kam es zu einem Bedeutungswandel des Schreinerberufes. Das Aufgabenfeld erweiterte sich um Kenntnisse in der Bildhauerei und im Polster- und Tapeziergewerbe, es wurden eigene Möbelmodelle entwickelt oder Anregungen von außen kopiert, weiterhin wurde mehr und mehr Wert auf die zeichnerische Ausbildung der Lehrlinge gelegt.
1836 gründeten die Handwerker den hessischen Gewerbeverein. Er diente vornehmlich dazu, Erfahrungen und Hilfe weiterzugeben und Möglichkeiten zur Weiterbildung zu geben. 1841 kam es zur Abspaltung der Mainzer Handwerker vom hessischen Gesamtverein. Sie besaßen zu dieser Zeit die größte Mitgliederzahl und fürchteten eine Entwicklungsbehinderung. Der Gewerbeverein veranstaltete außerdem in Hessen Ausstellungen, die zu einer hohen handwerklichen Qualität der Produkte anspornen und den Geschmack beeinflussen sollten. Auf der ersten Ausstellung 1837 in Darmstadt bildeten die Mainzer Möbelschreiner die größte Gruppe. Im Ausstellungskatalog heißt es: "Zu den vaterländischen Gewerben, welche sich durch Vollkommenheit der Arbeit einen wohlbegründeten, nicht bloß auf den Kontinent sich beschränkenden Ruf erworben haben, gehören ohne Zweifel diejenigen, welche sich auf die Verfertigung von Möbeln beziehen. Wenn auch in den verschiedenen Städten des Großherzogtums, besonders seit neuerer Zeit in Darmstadt Möbelstücke verfertigt werden, welche sich durch geschmackvolle Formen und solide Arbeit sehr rühmlich auszeichnen, so nimmt doch in dieser Beziehung Mainz durch die Ausdehnung und durch den Ruf seiner Möbelfabrikation ohne Zweifel den ersten Rang ein...." Es folgten weitere hessische Gewerbeausstellungen; 1839 in Darmstadt und 1840 in Mainz. Die bedeutenste Veranstaltung dieser Art war schließlich die erste internationale Industrieausstellung 1842, die in Mainz ausgerichtet wurde. Sie war auch gleichzeitig die Krönung in der Darstellung der Mainzer Möbelkunst.
Die formale Entwicklung des Schreibschrankes
Mainz war aufgrund der Zunftfreiheit offen für Stil- und Formeinflüsse von außen. So zeigt auch der Schreibmöbeltypus einen großen Formenreichtum; es gab den französischen secrétaire a cylindre, den englischen Kastenschreibtisch und den Patentsekretär, als auch den lyraförmigen Schreibschrank aus Wien. Anfang des 19. Jahrhunderts gehört der hochrechteckige Schreibschrank zu den beliebtesten Schreibmöbeln. Der Grundaufbau, mit einem Kommodenteil, bzw. Halbschrank, und dem darüber befindlichen Schreibfach mit der abschließenden Gesimsschublade und der vorstehenden, flachen Abdeckplatte, bleibt bis in die vierziger Jahre erhalten. Bis etwa 1830 gab es den Säulensekretär mit seitlich flankierenden Säulen, einer vorstehenden Gesimsschublade und einem insgesamt tektonischen Aufbau. Nach 1830 werden die einzelnen Elemente zu einer geschlosseneren Einheit zusammengefügt. Dies geschieht unter anderem durch die glatte, durchgehende Fläche, die Kommodenteil und Schreibklappenteil nun bilden und einem einfassenden, mehrfach profilierten Rahmen. Die Maße sind bei beiden Schreibschranktypen gleich. Sie sind der menschlichen Körpergröße angepasst und haben eine durchschnittliche Höhe von 160cm. Trotz der übereinstimmenden Maße wirkt der glatte Klappsekretär weitaus zierlicher.
(Lit.: Zusammenfassung aus folgenden Quellen - Heidrun Zinnkann - "Mainzer Möbelschreiner der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts" in: Schriften des historischen Museums Frankfurt a.M., Bd.17, Frankfurt a.Main 1985. Carola Decker - "Bürger, Kurfürst und Regierung" in: Beiträge zur Geschichte der Stadt Mainz, Bd.29)