Beschreibung und Massnahmen:
Im späten Mittelalter begann sich ein Möbeltypus zu entwickeln, der dem steigenden Bedürfnis
der Menschen gerecht wurde, Wertgegenstände und Briefe in geordneter Weise
aufzubewahren. Es handelt sich dabei um Kunst-, Kabinett- und Schreibschränke, die in allen
bedeutenden Handwerkszentren Europas gefertigt wurden. Als besondere Form dieser Möbel
entwickelte sich im 16. Jahrhundert in Neapel eine Art von Kabinettschränken, die mit
amelierten Glastafeln geschmückt wurden. Amelieren ist laut Quellenforschung ab ca. 1640 ein
gebräuchliches Synonym für Hinterglasmalen.
Die Schlösserverwaltung bei der Oberfinanzdirektion Karlsruhe hat vor einigen Jahren ein
solches Möbel zur Ergänzung des Mobilienbestandes des Heidelberger Schlosses in London
ersteigert. Es dient der Bereicherung für den Themenkreis Kunstgeschichte des
17.Jahrhunderts und wird im ersten Stock des Friedrichsbaus aufgestellt werden. Das Objekt
besteht aus dem nicht originalen Untergestell, einer englischen Tischlerarbeit vom Ende des
19. oder Anfang unseres Jahrhunderts, und dem eigentlichen prächtigen Kabinettschrank
neapolitanischer Herkunft, der in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts datiert wird.
Der schlichte rechteckige Korpus hat ein ausladendes Sockel- und Gesimsprofil, oben ist eine
Balustrade aufgesetzt. Beidseitig zu dem von mehreren Schubladen und einer Tür gebildeten
Mittelfach im Stil einer Architekturfassade sind je 4 Schubladen übereinander angeordnet.
Nadelholz, Nussbaum und Pappel sind als Konstruktionshölzer verarbeitet, als Furnier und für
die umfangreiche Ausstattung mit sehr feinen Profilleisten wurde ostindisches Palisanderholz,
an wenigen Partien auch Ebenholz und Elfenbein verwendet. Das zu dem dunklen Palisander
edel kontrastierende Dekor besteht aus feuervergoldeten, gegossenen Bronzebeschlägen, aus
mit Schildpatt furnierten Flächen, die mit Blattgold hinterlegt sind, ornamentalen
Églomiséarbeiten und Spiegeln. Im Mittelfach vor den Spiegeln ist eine Elfenbein -
Ebenholzmarketerie, die die Illusion eines parkettierten Saales erzeugt.
Den besonderen Gesamteindruck der Möbelfront prägen aber 43 farbenfrohe
Hinterglasgemälde von hochwertiger Qualität, die Staffagebilder mit Stadt- und
Ruinenlandschaften zeigen. Die Herkunft der amelierten Scheiben könnte diesseits der Alpen
liegen, worauf der Nürnberger oder Züricher Malstil hinweist.
Die Konzeptionierung der Restaurierungsarbeiten verlangte im Sinne der Schlösserverwaltung
eine Kombination hochwertiger Durchführungsqualität der unbe¬dingt notwendigen
Erhaltungsmaßnahmen bei gleichzeitiger Beschränkung auf die wesentlichen Aspekte. So
wurde auf eine komplettierende Rekonstruktion und Reproduktion des ursprünglichen
Untergestelles verzichtet und diese auf unbestimmte Zeit verschoben. Das Restaurierungsziel
war eine gründliche Konservierung der originalen Substanz. Optisch sollte der Kabinettschrank
in einen Zustand versetzt werden, in dem er vielleicht wäre, wenn er bis in unsere Zeit bei
sachgerechter Pflege überdauert hätte. Die Restaurierung der Hinterglasbilder wurde von der
Münchener Restauratorin Simone Bretz vorgenommen, die übrigen Maßnahmen wurden in
meinem Restaurierungsatelier für Möbel und Holzobjekte, damals noch in Heidelberg
durchgeführt.
Die an zahlreichen Stellen vom Glas abgelösten Malschichten der z.T. zerbrochenen
Hinterglasbilder wurden gefestigt, Fehlstellen retuschiert, die Scheiben wieder verklebt und
die Rückseiten mit säurefreiem Karton schützend kaschiert.
Die in großen Teilen sehr desolate Holzkonstruktion wurde konsolidiert. Fehlende Teile wurden
ergänzt; insbesondere sehr feine Profilleisten wurden mit extra angefertigten Werkzeugen
(Profilhobel) als Kopien der vorgefundenen Originalprofile reproduziert. Die Holzoberfläche des
Möbels konnte durch Abnahme eines nicht originalen, schwarzen Lackes freigelegt werden. Die
Reinigung und Entoxidierung der zahlreichen Bronzen geschah schonend im Ultraschall- und im
Chemikalienbad.
Literatur:
Frieder Ryser - Verzauberte Bilder: Die Kunst der Malerei hinter Glas, München 1991, S.136
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