Kabinett

Objektdaten


Archiv Nr.:
03E
Objekt:
Entstehungszeit:
ca. 1650 - 1670
Zuordnung (regional):
Italien, Neapel
Materialien:
Konstruktionsholz
Buche, Nussbaum, Pappel, Tanne
Furnierholz
Furnier
Elfenbein, Schildpatt mit Blattgold hinterlegt
Zierbeschläge
Bronze, feuervergoldet
Hinterglasmalerei
1. Ölfarbentechnik, vergoldet und mit schwarzem Wachs hintermalt
2. Ornamentale, lackhintermalte Goldradierung
3. vergoldete Figur vor braunem Hintergrund

Maße:
1110 mm (H) x 1695 mm (B) x 483 mm (T) 

Restaurierungsmaßnahmen

 

Anmerkungen

Beschreibung und Massnahmen:
Im späten Mittelalter begann sich ein Möbeltypus zu entwickeln, der dem steigenden Bedürfnis der Menschen gerecht wurde, Wertgegenstände und Briefe in geordneter Weise aufzubewahren. Es handelt sich dabei um Kunst-, Kabinett- und Schreibschränke, die in allen bedeutenden Handwerkszentren Europas gefertigt wurden. Als besondere Form dieser Möbel entwickelte sich im 16. Jahrhundert in Neapel eine Art von Kabinettschränken, die mit amelierten Glastafeln geschmückt wurden. Amelieren ist laut Quellenforschung ab ca. 1640 ein gebräuchliches Synonym für Hinterglasmalen.
Die Schlösserverwaltung bei der Oberfinanzdirektion Karlsruhe hat vor einigen Jahren ein solches Möbel zur Ergänzung des Mobilienbestandes des Heidelberger Schlosses in London ersteigert. Es dient der Bereicherung für den Themenkreis Kunstgeschichte des 17.Jahrhunderts und wird im ersten Stock des Friedrichsbaus aufgestellt werden. Das Objekt besteht aus dem nicht originalen Untergestell, einer englischen Tischlerarbeit vom Ende des 19. oder Anfang unseres Jahrhunderts, und dem eigentlichen prächtigen Kabinettschrank neapolitanischer Herkunft, der in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts datiert wird.
Der schlichte rechteckige Korpus hat ein ausladendes Sockel- und Gesimsprofil, oben ist eine Balustrade aufgesetzt. Beidseitig zu dem von mehreren Schubladen und einer Tür gebildeten Mittelfach im Stil einer Architekturfassade sind je 4 Schubladen übereinander angeordnet.
Nadelholz, Nussbaum und Pappel sind als Konstruktionshölzer verarbeitet, als Furnier und für die umfangreiche Ausstattung mit sehr feinen Profilleisten wurde ostindisches Palisanderholz, an wenigen Partien auch Ebenholz und Elfenbein verwendet. Das zu dem dunklen Palisander edel kontrastierende Dekor besteht aus feuervergoldeten, gegossenen Bronzebeschlägen, aus mit Schildpatt furnierten Flächen, die mit Blattgold hinterlegt sind, ornamentalen Églomiséarbeiten und Spiegeln. Im Mittelfach vor den Spiegeln ist eine Elfenbein - Ebenholzmarketerie, die die Illusion eines parkettierten Saales erzeugt.
Den besonderen Gesamteindruck der Möbelfront prägen aber 43 farbenfrohe Hinterglasgemälde von hochwertiger Qualität, die Staffagebilder mit Stadt- und Ruinenlandschaften zeigen. Die Herkunft der amelierten Scheiben könnte diesseits der Alpen liegen, worauf der Nürnberger oder Züricher Malstil hinweist.
Die Konzeptionierung der Restaurierungsarbeiten verlangte im Sinne der Schlösserverwaltung eine Kombination hochwertiger Durchführungsqualität der unbe¬dingt notwendigen Erhaltungsmaßnahmen bei gleichzeitiger Beschränkung auf die wesentlichen Aspekte. So wurde auf eine komplettierende Rekonstruktion und Reproduktion des ursprünglichen Untergestelles verzichtet und diese auf unbestimmte Zeit verschoben. Das Restaurierungsziel war eine gründliche Konservierung der originalen Substanz. Optisch sollte der Kabinettschrank in einen Zustand versetzt werden, in dem er vielleicht wäre, wenn er bis in unsere Zeit bei sachgerechter Pflege überdauert hätte. Die Restaurierung der Hinterglasbilder wurde von der Münchener Restauratorin Simone Bretz vorgenommen, die übrigen Maßnahmen wurden in meinem Restaurierungsatelier für Möbel und Holzobjekte, damals noch in Heidelberg durchgeführt.
Die an zahlreichen Stellen vom Glas abgelösten Malschichten der z.T. zerbrochenen Hinterglasbilder wurden gefestigt, Fehlstellen retuschiert, die Scheiben wieder verklebt und die Rückseiten mit säurefreiem Karton schützend kaschiert.
Die in großen Teilen sehr desolate Holzkonstruktion wurde konsolidiert. Fehlende Teile wurden ergänzt; insbesondere sehr feine Profilleisten wurden mit extra angefertigten Werkzeugen (Profilhobel) als Kopien der vorgefundenen Originalprofile reproduziert. Die Holzoberfläche des Möbels konnte durch Abnahme eines nicht originalen, schwarzen Lackes freigelegt werden. Die Reinigung und Entoxidierung der zahlreichen Bronzen geschah schonend im Ultraschall- und im Chemikalienbad.
Literatur:
Frieder Ryser - Verzauberte Bilder: Die Kunst der Malerei hinter Glas, München 1991, S.136 - 142