Zylinderbureau

Objektdaten


Archiv Nr.:
11E
Objekt:
Zylinderbureau
Entstehungszeit:
ca. 1771 - 74
Zuordnung (regional):
Neuwied
Zuordnung (Hersteller):
David Roentgen
Standort:
Schloss Mannheim, Trabantensaalmuseum
Materialien:
Konstruktionsholz
Eiche
Furnier
Nußwurzel, Rosenholz, Ahorn, Obsthölzer, z.T. gefärbt
Zierbeschläge
Bronzebeschläge, feuervergoldet
Papier, Leder
Maße:
1145 mm (H) x 1230 mm (B) x 680 mm (T) 

Restaurierungsmaßnahmen

 

Anmerkungen

Längsformatiger Korpus auf wellig ausgeschnittenen Winkelfüßen. Dreitüriger Unterbau mit einer Längsschublade und messinggefasster Traverse. Das Schreibblatt ausziehbar und mit Zugmechanismus für den Zylinderverschluss. Der Abschluss gekehlt und mit schlichter, profilierter dreiseitiger Umrandung. Das Innere des Unterbaus mit fünf Tablaren und einer Schublade, wobei ursprünglich vorn mit einer weiteren Schublade versehen. Der Schreibteil im Innern mit offenen Briefkompartimenten und geschweiften Schubladen. Überaus feine und reiche Marketerie der dritten Entwicklungsstufe. Die vergoldeten Bronzebeschläge alle in englischer Manier.
„Für die Gestaltung dieses Zylinderbureaus hatte David Roentgen wohl mehrere Entwürfe aus Chippendales The Gentleman & Cabinetmaker's Director verwendet, wie z.B. die Nr.CXII und CXIV, beides Aufsatzmöbel mit dreiteilig gegliederten Unterbauten. Die bei Chippendale vorkommenden seitlichen oder mittleren Schübe wurden hier alle durch Türen ersetzt, wohl um der Einlegearbeit willen, für die man einheitliche Flächen wünschte. Darüber hinaus wurde auch der Möbeltypus modernisiert, indem anstelle der bei Chippendale noch ausschließlich gezeigten Schrägklappe der in Frankreich erfundene Rollzylinder verwendet wurde.
Das Bureau wurde mit chinesischen Figuren marketiert, ein Motiv, das der im 18 Jhdt. beliebten Mode der Chinoiserie entsprach. Doch während für die meisten chinoisen Dekorationen auf Möbeln die Lackmalerei bevorzugt wurde, da sie nicht nur das chinesische Bildthema, sondern auch das dort übliche Material imitierte, wurden die Chinesenszenen hier als Marketerie ausgeführt, in der Dekorationstechnik, die der Roentgenwerkstatt zu ihrem internationalen Renommee verholfen hatte. Die Technik selbst, die David Roentgen á la Mosaique nannte, zeichnet sich dadurch aus, daß sie die Binnenzeichnung der Darstellungen, d.h. die Gewandfalten, Schatten u.a. mit keinerlei graphischen Mitteln wie den üblichen Gravuren oder Sägschnitten, sondern ausschließlich durch die extreme Kleinteiligkeit der einzelnen Furnierflächen erzielt.
Die im Oeuvre Roentgens häufigen Chinoiserien zieren die großen Flächen des Bureaus, wobei die aufwendigste von ihnen dem Rollzylinder vorbehalten ist. Diese Marketerie zeigt drei Szenen. In der Mitte sind drei Figuren versammelt, auf der linken Seite zwei und auf der rechten Seite eine. Die mittlere Szene zeigt eine chinesische Dame mit Sonnenschirm in Begleitung eines Kindes, die sich anschickt, einen Fisch zu kaufen. Zu ihren Füßen kniet der Fischhändler vor einem Korb mit Fischen und hält ihr einen Fisch entgegen. Links befindet sich die Zweiergruppe, wovon die eine Figur sitzend in Rückenansicht gezeigt ist, während die andere einen Lampion an einer Stange in die Höhe hält. Rechts reicht ein Kind, neben einem hohen Behältnis stehend, einem in einem Ring sitzenden Papagei etwas zu. Die drei Szenen spielen sich auf einem gestuften Podest ab, welches im Hintergrund von einem Zaun begrenzt wird. Rechts ist noch ein Bretterverschlag zu sehen, an welchem seitlich der Ring mit dem Papagei und vorn ein Lampion hängt. Aus dem Podest wachsen, zu den jeweiligen Gruppen gehörend, verschiedenartige Bäume.
Die breite Schublade ist mit fliegenden Vögeln und Pflanzengebinden eingelegt. Auf den beiden seitlichen Türen sind, in ungefährer Symmetrie, zweifigurige Szenen mit Chinesen, die sich spielend mit gefangenen exotischen Vögeln beschäftigen. Diese Gruppen stehen auf einem Stück Naturboden, mit Bäumen und kleineren Pflanzen bewachsen, die zum Teil ins Leere herabhängen. Sehr eigentümlich mutet die Szenerie auf der Mitteltür an. da sie ausschließlich von Vögeln dominiert ist. Diese Darstellung ist als Ergänzung zu denen der seitlichen Türen gedacht. Sie zeigt die verschiedenen Formen des Vogelfangs. Ein aus Holz gefügtes Rahmengefüge bildet eine luftige Plattform, auf der ein runder und ein kastenförmiger Vogelkäfig mit Lockvögeln stehen. Eine Eule sitzt auf dem rechteckigen Käfig, auf welchem Teile einer Flöte liegen. Flöten oder Pfeifen werden ebenfalls zum Anlocken von Vögeln verwendet. Auch die Eule wurde für den Vogelfang eingesetzt, da sich die Tagvögel ihr gegenüber sehr aggressiv verhalten und sich ihr daher ohne jede Vorsicht nähern. Um die Eule, bzw. über ihr, wird leimbestrichenes Gestänge aufgebaut - auf der Darstellung der mittlere aufragende Ast mit den oberen kreuzförmig angebrachten Querstäben -, auf welchen sich die Agressoren fangen1. Von diesen Querstäben hängen außerdem Stricke und gespannte Vogel fallen herab. Ganz obenauf ruht ein weiterer Käfig, dessen Deckel nur durch ein Stäbchen offengehalten wird, so dass er bei Berührung zufallen muss. Um das Vogelfallen-Gebilde fliegen einige (noch) freie Vögel.
An den Seiten des Bureaus sind ebenfalls chinoise Motive eingelegt. Auf der rechten Seite schenkt eine Chinesin zwei Kindern aus einer grüßen auf einem Herd stehenden Kanne etwas aus. Die linke Seite zeigt eine Chinesin und ein Kind, die beide ihre Aufmerksamkeit einer ihnen zu Füßen liegenden Katze widmen. In beiden Bildern stehen die Figuren auf hölzernen Podesten, die mit Palmen und anderen Pflanzen bewachsen sind.
Sämtliche Szenen erscheinen wie schwebend, eine Eigenart, die der chinesischen Malerei nachempfunden ist. Während jedoch in der chinesischen Malerei die einzelnen Figuren keinen direkten Bezug zum Boden haben, ist hier dieser Misstand auf europäische Weise korrigiert worden: Die Figuren stehen jeweils fest auf ihren unterschiedlich gestalteten Bodenstücken, die jedoch selbst in einem unbegrenzten Raum zu schweben scheinen eine Darstellungsweise, die diesen europäischen Chinesenbildern fast surreale Züge verleiht.1
David Roentgen
"Zu den kunstgeschichtlich bedeutendsten Möbeln Deutschlands ist wohl das reich dekorierte Zylinderbüro David Roentgens von 1772 aus Schloss Mannheim zu zählen. Bereits zu Beginn unseres Jahrhunderts wurde seine Qualität erkannt und in der Literatur wiederholt erwähnt. Besonders Georg Himmelheber wies ihm eine Schlüsselposition zu, indem er das Stück zum ersten klassizistischen Möbel in Deutschland erklärte."2
Das Zylinderbureau, das zwischen 1771 bis 1774 für die Badische Markgräfin Karoline Luise gebaut wurde, gelangte als Erwerbung unter Beteiligung der Siemensstiftung für die Staatlichen Schlösser und Gärten aus dem Eigentum des Markgrafen von Baden in Landesbesitz und wird seit 1996 im Zuge der Erweiterung des Trabantensaalmuseums im Mannheimer Schloss ausgestellt. Die kunstvollen Marketerien der Sichtseiten des Möbels werden Michael Rummer zugeschrieben.
"Michael Rummer, gebürtig, und jetzt wohnhaft in Handschuchsheim bey Heidelberg, alt 32 Jahre, hat die Einlegungskunst in Holz zu einer solchen Vollkommenheit gebracht, daß man sie schwerlich höher treiben kann. Durch die treffendeste Nachahmung der Natur und durch die reißende Kraft der Farben weiß er das Auge des Kunstliebhabers auf das Angenehmste zu täuschen;..." So schrieb Kirchenrat Mieg aus Heidelberg im Jahre 1780 in seinem "6. Beytrag zur vaterländischen Geschichte der Einlegekunst in Holz."3
1 Die Sammlung der Markgrafen und Grossherzöge von Baden - Katalog Sothebys, 1995, Bd.1, S.208-213
2 Wolfgang Wiese, Mechanische Wunder - Edles Holz. Karlsruhe 1998, S.98 ff.
3 Meusel, JG. - Miscellaneen artistischen Inhaltes, Erfurt 1780, Hft.4, S. 47ff.