Die Eichenholztüren des Hauptportals im Freiburger Münster

Von der Problematik der Konservierung indirekt bewitterten Holzes

Holz im Freien: Die Flügeltüren in der Vorhalle am Portal des Münsters zu Freiburg blicken auf eine differenzierte Geschichte zurück. Frühere Renovierungen, Schmutzablagerungen, das Lösen der Applikationen, schwankende Luftfeuchte und Sonne setzten den Türen zu. Verschiedene Möglichkeiten der Konsolidierung der Holzsubstanz waren zu erwägen, bevor mit den Restaurierungs- und Konservierungsarbeiten begonnen wurde.

Erschienen in RESTAURO 02/1995

Das Münster zu Freiburg im Breisgau ist Hauptdenkmal des gotischen Kirchenbaus in Deutschland und entstand als Pfarrkirche etwa 1200—1513.

Abb. 1: Die achtflügelige Tür im Hauptportal des Freiburger Münsters vor 
der Restaurierung. Auffällig ist das unterschiedliche 
Farbspektrum des Eichenholzes.
Abb. 1: Die achtflügelige Tür im Hauptportal des Freiburger Münsters vor der Restaurierung. Auffällig ist das unterschiedliche Farbspektrum des Eichenholzes.
Abb. 2: Das Schwarzweißfoto aus dem Archiv der Münsterbauhütte 
Freiburg zeigt die Tür im Kontext des Portals um 1890. Der 
untere Türflügel ist vermutlich eine Ergänzung von 1724
Abb. 2: Das Schwarzweißfoto aus dem Archiv der Münsterbauhütte Freiburg zeigt die Tür im Kontext des Portals um 1890. Der untere Türflügel ist vermutlich eine Ergänzung von 1724
Abb. 3: Rißzeichnung im Maßstab 7:1 von 1913
Abb. 3: Rißzeichnung im Maßstab 7:1 von 1913

 

Das Hauptportal befindet sich in dem ab 1275 gebauten Westturm. Die achtflügelige Tür (624 x 424 cm) wurde weitaus später eingesetzt: Sie ist als Architekturfassade im Stil der Hochrenaissance gestaltet (Abb. 1—3). Diese Art der Darstellung, wie sie beispielsweise auch von Möbeln und Wandvertäfelungen aus dieser Epoche bekannt ist, spiegelt die Auseinandersetzung des Kunsthandwerks mit den überlieferten Formen der Antike wider  (Anm.: Heinrich Kreisel/Georg Himmelheber: Die Kunst des deutsehen Möbels, München 1981, 2. Auflage, Band 1, S. 80ff.; Hildegaard Hons: Süddeutsche Fassadenschränke. in: Weltkunst, Nr. 22, November 1990, S. 3850-3853).

Konstruktion

Die Türen wurden aus Eichenholz in Rahmenbauweise mit eingenuteten Füllungen konstruiert. Die Querfriese sind mit durchgestemmten Doppelzapfen mit den Längsfriesen verbunden. Das Dekor ist einerseits eingeschnitzt (Quadermauerwerk) und andererseits aufgeleimt (ornamentale Applikationen). Angeschlagen wurden die Türen mit von innen aufgeschraubten Langbändern. In Vierblattform geschmiedete, verzinnte Eisenornamente mit Nagel- oder Schraubenköpfen in Kugelform dienen als Zierde oder aber als Fixierung für die Langbänder der Türrückseite.

Entstehungszeit

Schriftliche Aufzeichnungen Über den Entstehungszeitpunkt der Portalstüren konnten in den Münsterakten der Münsterbauhütte Freiburg oder in den Quellenschriften des Stadtarchivs Freiburg nicht gefunden werden  (Anm.: Für die Sichtung des Quellenmaterials danke ich Frau H. Köster vom Münsterbauverein Freiburg). Bekannt ist, daß im Jahre 1604 die Vorhalle des Hauptportals renoviert wurde, was heißt, daß auch eine Erneuerung der Portalstüren in diesem Zusammenhang denkbar ist. Im Verlauf des spanischen Erbfolgekrieges (1701—1714) wurde auch das Freiburger Münster schwer beschädigt: So hat 1713 eine Kanonenkugel das Gewölbe der Vorhalle durchschlagen.

An mehreren Stellen der Tür gibt es reliefgeschnitzte Informationen zur Entstehung oder Ergänzung. Im schlichten Feld unter dem mittleren Gurtgesims der Tür bilden je zwei Ziffern pro Flügel von links nach rechts gesehen die Jahreszahlen »1606« und »1724«. In demselben Feld ist jeweils ganz rechts auf jeder der beiden unteren Doppeltüren die Inschrift »Ren anno 1907« zu lesen. Auf der Rückseite des zweiten oberen Türflügels von links findet sich der Hinweis »Renov.1954, Frz.Weher«.

Die eingeschnitzten Jahreszahlen sind in bezug zu fotografischem und zeichnerischem Archivmaterial der Akten der Münsterbauhütte zu setzen. Die Interpretation des technischen Befundes sowohl des Objektes selbst als auch zweier in der Münsterbauhütte gelagerter historischer Türflügel (mit eingeschnitzter Jahreszahl 1724, gleiche Bauart wie die unteren Türflügel) werden durch die dendrochronologische Untersuchung gestützt  (Anm.: Die Untersuchungen und Auswertungen wurden von Frau Dipl. agr. biol. J. Hofmann vom Jahrringlabor Hofmann, 72622 Nürtingen, Waldhäuserstr. 12, Tel.: 0 70 22/5 55 98 durchgeführt.).

Kostengünstige dendrochronologische Untersuchung

Nach der dendrochronologischen Untersuchung entstammen drei der vier oberen Türflügel dem Beginn des 17. Jahrhunderts, einer ist 1954 vollständig ersetzt worden. Die ausgebauten historischen Türflügel sind vermutlich 1724 als Ersatz für die durch Kriegseinwirkung zerstörten Originale entstanden. Bei den unteren Türflügeln handelt es sich im wesentlichen um Reproduktionen vom Anfang unseres Jahrhunderts, entsprechend der in den unteren Türen eingeschnitzten Jahreszahl von 1907. Einzelne Elemente der verlorengegangenen Türflügel sind auf den Reproduktionen der unteren Türflügel wiederverwendet worden.

Ein neuer Weg wurde für diese Untersuchungsart eingeschlagen. Eine Messung in situ durch einen Fachwissenschaftler kam wegen der hohen Kosten nicht in Frage. Eine Betrachtung der Jahresringe ohne substanzzerstörende Probenentnahme ermöglichten abgenommene Dekorapplikationen und das freiliegende Stirnholz von den Längsfriesen der Türrahmen und von den durchgestemmten Doppelzapfen der Querfriese.

Abb. 4: Für die dendrochronologische Untersuchung erstellte Fotografie 
von Jahrringen im Hirnholzbereich einer abgelösten 
Dekorapplikation.
Abb. 4: Für die dendrochronologische Untersuchung erstellte Fotografie von Jahrringen im Hirnholzbereich einer abgelösten Dekorapplikation.

Die zu analysierenden Flächen wurden gereinigt, plan gefeilt (Hieb 5) und mit feinem Schleifpapier (K 400) geglättet, bis eine dichte und optisch klar definierte Holzoberfläche entstand. Der Materialverlust war vertretbar, da er im 1/10-mm-Bereich lag. Die Untersuchung selbst erfolgte dann an Fotografien im Maßstab 1:1, die in guter Qualität ein einwandfreies Vermessen ermöglichen (Abb. 4). Auf diese Weise wurden 21 Jahrringkurven analysiert.

Bei weitringigen Hölzern (Jahrringbreiten über 2 mm) eignet sich noch eine andere Methode: Nach dem Feinschliff wird der Holzstaub auf den Stirnholzflachen mit einem transparenten Klebeband abgezogen, wodurch man einen Abdruck der Jahrringe erhält. Dann klebt man dieses Band zur Messung auf dunklen Karton auf. Bei engringigen Hölzern ist diese Methode nicht geeignet, da die Jahrringgrenzen nicht immer eindeutig erkennbar sind.

Klimabedingungen in der Vorhalle

Die Durchführung der Restaurierungsmaßnahmen dauerte von Anfang Juli bis Ende Oktober 1993. Von August bis Oktober erfolgte ein Messen der relativen Luftfeuchtigkeit (rF) in der Vorhalle des Westportals mit einem Haarhygrometer. Die ermittelten Werte lagen zwischen ca. 40% und 90% rF, durchschnittlich 70%. Schwankungen von bis zu 30% im Tagesverlauf konnten festgestellt werden. Im Juli wirkt das Sonnenlicht maximal auf die Türen des Portals ein: Es wurden Temperaturen von 35—40 °C gemessen. Die zu Beginn und während der Restaurierungsmaßnahmen mit einem elektrischen Widerstandsmeßgerät gemessene Holzfeuchte differierte um ca. 2% und lag zwischen 14% und 16%.

Gelöste Applikationen

Abb. 5: Dekorapplikationen nach der Abnahme.
Abb. 5: Dekorapplikationen nach der Abnahme.

Die Rahmenkonstruktionen der Türen waren mit einer Ausnahme stabil. Doch hatten sich 233 Dekorapplikationen weitestgehend abgelöst (Abb. 5), 70 waren partiell gelockert. Einige hielten nur noch punktuell durch Leim oder durch korrodierte kleine Eisennägel. Diese kamen zu Hunderten bei früheren Reparaturen als Befestigungsmittel zur Anwendung. In sich desolat waren etwa 160 aus mehreren Einzelteilen zusammengesetzte Applikationen, das heißt, Verleimungen hatten sich gelöst oder die Holzsubstanz von Teilen war in sich gerissen bzw. zerbrochen. Die Applikationen, die anläßlich einer früheren Überarbeitung oder Reparatur schon einmal abgenommen worden waren, wiesen auf ihren Rückseiten zwei alte Leimschichten auf, wobei die untere Schicht immer ein Glutinleim, die obere ein PVAc-Leim war. Zwischen gelockerten Applikationen und Türkörper hatten sich dichte Schmutzablagerungen gebildet.

Zustand des Holzes

Abb. 6: Linker oberer Türflügel: Die orginalen dunklen Bereiche 
stammen von 1605 (nach Abnahme gelockerter 
Dekorapplikationen), die hellen sind Ergänzung von 1954
Abb. 6: Linker oberer Türflügel: Die orginalen dunklen Bereiche stammen von 1605 (nach Abnahme gelockerter Dekorapplikationen), die hellen sind Ergänzung von 1954

Der Erhaltungszustand und die Farbe der Holzsubstanz differierten erheblich entsprechend der unterschiedlichen Entstehungszeit (Abb. 6). Die unteren Türflügel vom Beginn des 20. Jahrhunderts waren substantiell in gutem Zustand; in Bodennähe und nahe des Wandanschlusses war die Holzoberfläche allerdings abgebaut und rissig.

Bei den drei oberen Flügeln und den Dekorapplikationen der unteren Türflbgel vom Anfang des 17. Jahrhunderts war die Holzsubstanz stark abgebaut, Holzinhaltstoffe entzogen und die Oberfläche faserig aufgerauht. An diesem instabilen »Cellulosefaserpelz« lagerte sich eine dichte Schicht aus Lackpartikeln, einem weißen Material und zum Teil rußig erscheinenden Schmutzpartikeln an. Die für Eiche bekannte Härte und Dichte war im Oberflächenbereich völlig zerstört. Weiterhin war das Holz faserparallel rissig. Die maximale Breite der Risse betrug 1 mm, die maximale Tiefe schätzungsweise 2 mm. Diese Erscheinungen konnten auf der gesamten Holzoberfläche beobachtet werden.

Verfärbungen und Ablagerungen

Das farbige Erscheinungsbild der Tür variierte in einem breiten Spektrum von unterschiedlichen Braun- und Grautönen (Abb. 1, 6). Am unteren, am häufigsten benutzten Türflügel ganz rechts war ein die Türklinke umgebender Bereich (etwa 0,7 m2) mattglänzend schwarz bis anthrazitgrau verfärbt. Es handelt sich bei der Verfärbung um eine Reaktion des gerbsäurehaltigen Eichenholzes mit menschlichen Handschweißinhaltstoffen (Ammoniak). Auf der Holzoberfläche war in diesem Bereich außerdem eine Mischung von menschlichem Talg und Schmutz abgelagert.

Abb. 7: Ausschnitt rechter Doppeltürflügel oben: Die weißen 
Ablagerungen sind zu Natriumsulfat umgewandelte Reste von 
Natriumhydroxid, das als Abbeizer bei einer früheren 
Überarbeitung Verwendung fand
Abb. 7: Ausschnitt rechter Doppeltürflügel oben: Die weißen Ablagerungen sind zu Natriumsulfat umgewandelte Reste von Natriumhydroxid, das als Abbeizer bei einer früheren Überarbeitung Verwendung fand

An den beiden Türflügeln oben rechts konnten weiß gefärbte Bereiche beobachtet werden (Abb. 7). Es handelte sich um weißes, pulvriges Material, das mit schwacher Adhäsion auflag. Eine abgeschabte Probe wurde mikrochemisch und physikalisch-chemisch analysiert. Die spektroskopische Untersuchung schließlich ergab, daß es sich um Natriumsulfat handelt  (Anm.: Die Analysen wurden von Frau Prof. Dr. K. Jägers und Herrn Dr. E. Jägers, 53332 Bornheim, Hemherger Str. 75, Tel.: 0 22 27/1652, Fax: 0 22 27/72 28, durchgeführt.). Diese Substanz könnte aus einer früheren Behandlung der Tür mit einem basischen Abbeizer herrühren. Das darin enthaltene Natriumhydroxid (kaustisches Soda) ist entweder durch gezielte Nachbehandlung mit verdünnter Schwefelsäure oder durch langsame Umwandlung mit schadstoffhaltiger Luft zu Natriumsulfat umgesetzt worden.

Festgestellt werden konnte ein stark abgebauter Oberflächenüberzug, der besonders in Bodennähe fehlt. Seine Haftung zum Trägerholz ist an erhaltengebliebenen Restbereichen so stark reduziert, daß er sich mechanisch leicht abreiben ließ. Wenige besser erhaltene Bereiche, beispielsweise unter dem Schutz von Profilen oder in Vertiefungen, zeigen geringe Reste eines Lackes, der sich im nahen UV-Licht (320—400 nm) zu einer hellgrauen Fluoreszenz mit leichtem Grünstich anregen läßt. Er hat ein sehr feines, mit dem bloßen Auge kaum wahrnehmbares Krakelee. In Ethanol und Aceton war der Lack löslich.

Schäden an den Beschlägen

Die Öffnungsfunktion der unteren Türflügel war reduziert, die Türen nur schwergängig. Die Ursache hierfür lag in ausgeriebenen Bandrollen und gebrochenen Bandkegeln. Die verzinnten Ziernägel hatte man mit einer abblätternden, offenbar ölgebundenen Farbe überstrichen. Spuren von Korrosion zeigten sich.

Einige der Vierblattornamente sind Ergänzungen aus Aluminium.

Restaurierungskonzept

Ziel war, die Vorderseite der Hauptportalstüren zu konservieren und zu restaurieren. Dazu waren gelöste Teile zu fixieren und die Oberfläche der angegriffenen Holzsubstanz durch adäquate Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen zu konsolidieren. Nach Absprache mit dem Landesdenkmalamt sollte eine weitestgehende farbliche Vereinheitlichung stark kontrastierender Partien durchgeführt werden, die den gewachsenen Zustand des Objektes dennoch erkennen läßt. Zudem sollte eine Untersuchung der Türen auf mögliche frühere Umbauten erfolgen.

Eine Vorgabe des Auftraggebers war, die Arbeiten ohne Demontage durchzuführen. Die Portalstüren wurden eingerüstet. Die Vorhalle des Westportals trennte ein 5 m hoher Bretterzaun ab. Dieser Raum diente als Werkstatt.

Welche Möglichkeiten der Konsolidierung der Holzsubstanz gibt es?

Abb. 8: Unterschiedliche Zustände der Holzoberfläche: unter 
abgenommener Dekorapplikation (links), vor (unten) und nach 
(oben) Abnahme der abgebauten Holzsubstanz.
Abb. 8: Unterschiedliche Zustände der Holzoberfläche: unter abgenommener Dekorapplikation (links), vor (unten) und nach (oben) Abnahme der abgebauten Holzsubstanz.

Grundsätzlich bestand die Notwendigkeit, eine dauerhafte Konsolidierung von gelösten Partien und Holzoberfläche zu erreichen. Dies insbesondere unter dem Gesichtspunkt, daß die Türen zwar nicht direkt bewittert, aber im Außenbereich doch vermehrt Umwelteinflüssen ausgesetzt sind. Weder kann der Raum klimatisiert noch das Licht kontrolliert werden.

Es stellte sich die Frage, ob eine Konservierung sowohl der zum Teil stark angegriffenen Holzoberfläche (Abb. 8), als auch des nur fragmentarisch erhaltenen Oberflächenüberzuges möglich ist.

Die Idee einer Festigung mit Kunstharzen wurde verworfen, da zum Zeitpunkt der Restaurierungsarbeiten keine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und Erfahrungen vorlagen. Erst jüngst gab es erfolgversprechende Untersuchungen  (Anm.: Clemens von Schoeler, Ralf Stoian: Transparente kunstharzgebundene Retuschen auf historischen Holzoberflächen?, in: Zeitschrift für Kunsttechnologie und Konservierung. 8/1994, Heft 1, S. 150—1586). Denkbar war entweder die Verwendung eines fetten Öls oder die eines modernen Kunstharzerzeugnisses, das für den Außenbereich zur Oberflächenkonservierung angeboten wird.

Öle

Zur Auswahl steht einerseits Walnußöl als halbtrocknendes Öl, das sich durch seinen bis zu 16%igen Anteil an Linolensäuren im Lauf eines längeren Zeitraumes verfestigt. Seine Vergilbung ist geringer als die von Leinöl, seine Trockenzeit dagegen länger.

Leinöl ist ein trocknendes Öl mit bis zu 45% Linolensäureanteilen. Es vereinigt verschiedene positive Aspekte: Das tief in das Holz eindringende Öl mit seiner im anschließenden Oxidations- und Polymerisationsvorgang erfolgenden hohen Durchhärtung hat eine festigende und stabilisierende Wirkung auf die Holzsubstanz. Getrocknet ist es als Linoxyn in fast allen organischen Lösungsmitteln unlöslich und resistent gegen atmosphärische Einflüsse  (Anm.: Hans Peter Schramm, Bernd Hering: Historische Malmaterialien und ihre Identifizierung. Berlin 1988, S. 92ff.; Kurt Wehlte: Werkstoffe und Techniken der Malerei, Ravensburg 1985. 5. Auflage, S. 168ff.).

Kunstharzerzeugnisse

Kunstharzerzeugnisse gibt es vergleichsweise erst seit kurzem. Deshalb sind die Langzeiteigenschaften auch weitgehend unbekannt. Moderne filmbildende Überzüge wie beispielsweise Alkydöl-Acrylharz- oder Alkydharz-Polyurethanemulsionen, die in der Regel eine von den Herstellern gewährleistete Dauerhaftigkeit von maximal zwei Jahren bei dreifachem Auftrag haben, müssen zur Überarbeitung aufwendig angeschliffen werden und können dann erst überstrichen werden.

Entscheidung für Leinöl

Das Leinöl war in unserem Fall Kunstharzerzeugnissen aber auch dem Walnußöl wegen der vorliegenden raumklimatischen Situation der Türen vorzuziehen. Die höhere Stabilität sowie die kürzere Trockenzeit sind wichtige Eigenschaften. Das stärkere Vergilben wird durch den Verzicht auf den Einsatz eines schneller trocknenden Leinölfirnisses oder eines Standöles zugunsten eines naturbelassenen, kaltgeschlagenen Leinöls in Grenzen gehalten.

Die Materialeigenschaften von getrockneten Leinölfilmen sind bekannt, die Beständigkeit ist bewiesen. Zudem kann man es immer wieder im Rahmen von regelmäßigen, zukünftigen Pflege und Wartungsarbeiten anwenden. Anders als bei Kunstharzüberzügen, die ihrem Wesen nach als unlösliche Temperalacke auftrocknen, kann es bei der Leinölbehandlung auch nicht zum Abblättern oder Ablösen einzelner isolierter Bereiche kommen. Im Gegensatz zu modernen filmbildenden, weniger diffusionsdurchlässigen Endanstrichen wird ein niedrigerer Wasserdampfdurchlaßwiderstand erreicht. So ist die Gefahr eines einseitigen Absperrens der Holzkonstruktion nicht gegeben. Das Holz kann bei wechselnden klimatischen Bedingungen gemäß seiner hygroskopischen Eigenschaften besser quellen und schwinden. Die Gefahr einer dynamischen Spannungsbildung, die zu Rissen und Verwerfungen führen könnte, ist nicht gegeben.

Farblich kontrastierende Bereiche der Türen können durch in Öl angeriebene lichtechte anorganische Pigmente angeglichen werden, die dem Überzugsmittel entsprechend beigemischt werden  (Anm.: Bezug aller Malmittel und intensive Beratung durch Firma Dr. Kremer, 88317 Aichstetten, Tel.: 07565/1011, Fax: 07565/1605).

Festigung der Konstruktion

An noch festsitzenden, nur partiell gelösten Teilen wurde die teilweise offene Fuge mit hinterschobenen Schleifmitteln von grobem Schmutz gereinigt. Dieser konnte abgesaugt und mit Preßluft ausgeblasen werden. Die weitere Reinigung und Vorbereitung der Leimfuge erfolgte mit Ethanol als Vornetze für zuerst Leimwasser und dann Leim, (verleimtgepreßt wurde wie unten beschrieben). Um Teile ganz abzulösen, war Ethanol in die Leimfuge zu injizieren und diese dann mit dem mit Furnier unterlegten Stecheisen abzuhebeln. Die Leimflächen der abgenommenen Applikationen wurden grob gereinigt, die Leimreste nach dem Anquellen mit einem synthetischen, anorganischen Kolloid (Laponite RD Grade) abgenommen (Abb. 9). Die Einzelteile bekamen eine Nummer, ihre Befestigungspunkte wurden auf der Kopie einer Rißzeichnung der Portalstüren eingetragen.

Abb. 9: Zerlegtes Zahnschnittfries der oberen orginalen Renaissance-
Türflügel während des Anquellens alter Leimreste, die dann 
abgenommen werden
Abb. 9: Zerlegtes Zahnschnittfries der oberen orginalen Renaissance- Türflügel während des Anquellens alter Leimreste, die dann abgenommen werden
Abb. 10: Bei den Rückseiten der Dekorapplikationen war die 
Holzsubstanz, das Holz rissig und zum Teil stark verworfen
Abb. 10: Bei den Rückseiten der Dekorapplikationen war die Holzsubstanz, das Holz rissig und zum Teil stark verworfen
Abb. 11: Verleimsituation auf dem Gerüst: rechts vorn das Lampengestell 
zur Erwärmung der Dekorapplikationen, die Tür hinten während 
der verleimung (Applikationen umklebt, unter Partie gegen 
Leimtropfen mit Plastikfolie geschützt)
Abb. 11: Verleimsituation auf dem Gerüst: rechts vorn das Lampengestell zur Erwärmung der Dekorapplikationen, die Tür hinten während der verleimung (Applikationen umklebt, unter Partie gegen Leimtropfen mit Plastikfolie geschützt)

 

Kleinere Risse und Verwerfungen kennzeichneten besonders stark die Verleimflächen von Applikationen und Türflügeln (Abb. 10). Um technisch einwandfreie und auch dauerhafte Fugen bei der Neuverleimung der Applikationen herzustellen, war es unumgänglich, auf ihren Rückseiten abgebaute originale Holzsubstanz abzunehmen und diese weitestgehend plan zu hobeln. Nach dem Abzahnen wird die Holzsubstanz durch Einlassen mit Leimwasser abgesperrt. In sich desolate oder gerissene und zerbrochene Applikationen wurden in abgenommenem Zustand auf der Hobelbank verleimt.

Abb. 12: Spaxschrauben mit Unterlegscheiben zum Verleimpressen der 
Applikationen.
Abb. 12: Spaxschrauben mit Unterlegscheiben zum Verleimpressen der Applikationen.

Bei den Türen, die ja eingebaut blieben, konnten übliche Methoden zur Verleimpressung (z.B. Schraubzwingen) nur an wenigen Stellen angewendet werden (Abb. 11). Um die Applikationen ohne Zwingen zu verleimen, wurden sie zuerst durchbohrt, um dann mit Spaxschrauben (Ø 2, 3, 4 mm), die mit Unterlegscheiben aus Metall, Kunststoff und Kork gegen Eindrücken gesichert waren, ans Holz gepreßt zu werden (Abb. 12). Alle Teile wurden zur Probe montiert, das umgebende Holz mit Papierklebeband gegen Leimbenetzung geschützt. Auf den Rückseiten der Applikationen wurden die Löcher ausgerieben, um möglichem Spanaushub der Spaxschrauben Platz zu geben. Direkt vor dem Verleimen erwärmten die Applikationen Lampen, die Türflächen ein Heißluftföhn, so daß eine angemessene Montagezeit zur Verfügung stand. Abschließend wurden die Schrauben entfernt und durch zusätzlich sichernde Hartholznägel ersetzt, eingetrieben in die 20 mm tief nachgebohrten Schraubenlöcher. Bei allen Verleimarbeiten kam säure- und fettfreier Hautleim zur Anwendung  (Anm.: Hersteller Firma Fritz Häcker GmbH & Co., 71665 Vaihingen, Postfach 1265, Im Holzgarten 18, Tel.: 0 70 42/9 46 20).

Maßnahmen Oberflächenüberzug

Weißes Material

Da es sich bei dem beschriebenen, partiell aufliegenden weißen Material um eine inerte Substanz (Natriumsulfat) handelt, konnte diese durch gründliches Abwaschen mit Wasser annähernd restlos entfernt werden. Möglicherweise durch das Wasser an die Holzoberfläche wanderndes Material muß im Lauf der Wartungsarbeiten der folgenden Jahre wiederholt abgenommen werden, bis der Prozeß von selbst stoppt.

Farbkontraste Holz

Voruntersuchungen ergaben im Holz der unteren Türen einen rotbraunen und wasserlöslichen Farbstoff, der herausgewaschen werden sollte, um das vorgegebene Restaurierungsziel zu realisieren. Dazu und zur Abnahme der Reste des früheren Oberflächenüberzugs wurde abschnittsweise Ethanol (99,8 %, wasserfrei, mit Methylethylketon vergällt) mit 6 bar Druck auf die Holzoberfläche gesprüht. Mit harten Bürsten und Borstenpinseln konnten die Lackreste abgelöst und mit saugenden Schwämmen und Zellstofftüchern entfernt werden. Anschließend erfolgte eine Reinigung von Farbmittelresten mit warmem Wasser, bei der wie bei der Ethanolreinigung verfahren wurde. Nach einer Trockenphase von etwa 30 Tagen stimmt die gemessene Holzfeuchte mit der vor Beginn der Durchführung der Maßnahmen ermittelten überein.

Reduzierung der aufgefaserten Schicht

Als Voraussetzung für alle weiteren Oberflächenbehandlungen des Holzes erscheint es in jedem Fall notwendig, die oberste aufgefaserte Schicht soweit zu reduzieren, bis eine adäquate Dichte wiederhergestellt ist. Erst dann ist ein dauerhafter Schutz der Holzoberfläche möglich. Nach der Abnahme des aufliegenden Oberflächenüberzugs war daher die Holzoberfläche entsprechend ihres unterschiedlichen Verwitterungszustandes abzuarbeiten (Abb. 8).

Konservierende Oberflächenveredelung

Auf die entstaubte Holzoberfläche wurde kaltgeschlagenes Leinöl mit doppelt rektifiziertem Terpentinöl (Mischverhältnis 1:1) in zwei Arbeitsgängen aufgebracht. Ein dritter Auftrag erfolgte mit einer Mischung im Verhältnis Leinöl zu Terpentinöl 2:1. Überschüsse nahmen Zellstofftücher auf. Bei farblich anzugleichenden Bereichen wurde das Öl im dritten Auftrag gefärbt. Das geschah durch Hinzufügen einer Mischung von in Öl angeriebenen Pigmenten (1 Teil Pompeijanischrot + 1 Teil Terra di Siena gebrannt + 0,8 Teile Umbra grünlich dunkel deutsch).

Maßnahmen Beschläge

Um die mechanische Funktion der unteren Türflügel wiederherzustellen wurden von einem Kunstschmied neue Stahlbuchsen in die Bandkloben gearbeitet und die Bandkegel erneuert. Teilweise mußten auch Bänder nachgerollt werden  (Anm.: Durchführung der Metallarbeiten: Firma Walter Laihle, 79108 Freiburg, Wildtalstr. 23, Tel.: 07 61/5 27 70).

Die originale Verzinnung der Vierblattornamente (Abb. 13, 14) legte eine aus Sumpfkalk und Schmierseife hergestellte Kalkseife frei, die auf die aufliegenden Farbreste aufgestrichen wurde. Sie konnten nach dem Antrocknen mit dem Holzspatel entfernt werden, verbliebene Reste wurden unter heißem Wasser abgespült. Korrosionsspuren stabilisierten eine Tanninbehandlung  (Anm.: Ich möchte auf neueste Erkenntnisse zum Thema Korrosionsschutzverfahren mit Tannin hinweisen, die erst nach der Vollendung der Arbeiten an den Portalstüren veröffentlicht worden sind: Chr.-H. Wunderlich, in: Arbeitsblatter für Restauratoren, 1/94, Gruppe 1, S.280—286.). Nach der sorgfältigen Trocknung erfolgte ein konservierender Überzug aller Metallteile mit einer heiß aufgetragenen Mischung aus mikrokristallinem Wachs mit Bienenwachs im Mischverhältnis 1:1 (Abb. 15).

 

Abb. 13: Geschmiedetes Vierblattornament mit Nagelkopf vor der 
Restaurierung, in situ.
Abb. 13: Geschmiedetes Vierblattornament mit Nagelkopf vor der Restaurierung, in situ.
Abb. 14: Wie Abb. 13, nach der Restaurierung.
Abb. 14: Wie Abb. 13, nach der Restaurierung.
Abb. 15: Die Türen des Hauptportals nach der Konservierung mit 
kaltgeschlagenem Leinöl.
Abb. 15: Die Türen des Hauptportals nach der Konservierung mit kaltgeschlagenem Leinöl.

 

Danksagung

Mein besonderer Dank für ihre konzentrierte und kreative Mitarbeit gilt Gerlinde Leonhardt, Susanne Gomer und Michaela Blume sowie für die kooperative Unterstützung meiner Arbeit Dr. Krämer vom Erzbischöflichen Ordinariat Freiburg, Prof. Dr. W. Stopfel, Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Außenstelle Freiburg, Miinsterbaumeister H. Triller † und C. Leuschner vom Münsterbauverein Freiburg e.V.