Maßanalyse von historischen Möbeln

Dargestellt am Beispiel einer umfangreicheren Wiederherstellung einer Braunschweiger Schreibkommode von 1715/25

Erschienen in der Zeitschrift für Kunsttechnologie und Konservierung 6/1992 Heft 1

Es wird über die Konservierung und Restaurierung einer Braunschweiger Schreibkommode aus dem ersten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts berichtet. Das Objekt kann als einer der frühesten nachgewiesenen Vertreter dieses Möbeltyps im deutschen Sprachraum gelten.

Das Möbel war in seiner originalen Substanz partiell stark reduziert, deshalb wurde es notwendig, eine möglichst genaue regionale Zuordnung vorzunehmen, um ähnliche oder Parallelobjekte zu finden, die bei der Rekonstruktionsarbeit Vorbildfunktion erfüllen könnten.

In diesem Zusammenhang wurde die Entwicklung eines Verfahrens zur regionalen Herkunftsbestimmung von historischen Möbeln durch die Anwendung einer rechnergesteuerten Maßanalyse begonnen. Diese Methode führte zur Auffindung eines Parallelobjektes, das als eine Grundlage für umfangreiche Rekonstruktionsmaßnahmen, insbesondere der Platte, diente. Ohne die betreffenden gründlichen und weitreichenden Voruntersuchungen waren die vorgenommenen Ergänzungen vom ethischen Standpunkt her unvertretbar gewesen, da sie überwiegend hypothetisch gewesen wären.

Befund

Beschreibung

Es handelt sich um eine vierschübige furnierte Kommode (Abb. 1) auf gedrechselten Füßen. Der kastenförmige, querrechteckige Korpus aus Fichtenholz weist in seiner Proportion von Breite zu Höhe annähernd das Maßverhältnis des Goldenen Schnittes (1,6:1), namlich 1,56:1 auf  (Anm.: E.F. Hein, Braunschweiger Möbel des achtzehnten Jahrhunderts, Braunschweig 1950, S. 23: »[...] und die meisten der hier gezeigten [Braunschweiger] Kommoden, [...] weisen Maßverhältnisse auf, die dem des Goldenen Schnittes entsprechen.«). ln der gleichmäßig gedrittelten Front, die von den Lisenen gerahmt wird, ist die Mittelpartie leicht vorspringend ausgebildet. Die Platte hat einen charakteristisch großen Überstand über den Korpus, der an Front, Seiten und Rückseite leicht variiert.

Abb. 1: Objekt, Vorderansicht nach der Restaurierung
Abb. 1: Objekt, Vorderansicht nach der Restaurierung
Abb. 2: Objekt, Vorderansicht nach der Restaurierung, Schreibschublade 
geöffnet
Abb. 2: Objekt, Vorderansicht nach der Restaurierung, Schreibschublade geöffnet
Abb. 3: Objekt, perspektivische Ansicht n. d. Rest., Schreibschublade 
geöffnet
Abb. 3: Objekt, perspektivische Ansicht n. d. Rest., Schreibschublade geöffnet

 

Der Boden der obersten Schublade läßt sich durch Herabklappen des Vorderstückes als Schreibfläche nutzen. In der hinteren Hälfte wird ein Fach von je zwei kleineren Schubladen gerahmt, die mit gedrechselten Zugknöpfen aus Nußbaumholz zu öffnen sind (Abb. 2 und Abb. 3).

Das Objekt läßt sich formal den im klassizistischen Spätbarock gestalteten Möbeln zurechnen. Es zeigt in der Ausbildung seiner Marketerie das für diese Zeit charakteristische Stilmerkmal in Form von flächengliederndem, gerade und verkröpft ausgeführtem Bandwerk. Front-, Seiten- und Plattenmarketerie der Kommode sind als kantenparallele Rechteckfelder gearbeitet, die von unterschiedlich breiten, querfurnierten Bändern mit Fäden gerahmt und z.T. wie Verkröpfungen eingezogen sind oder im Winkel von 45° über die Ecken laufen. Die Marketerie besteht aus Nußbaum-, Nußmaser-, Apfel-, Zwetschgen- und Birkenholz.

Alle Schubladen sind innen mit einem Buntpapier ausgeklebt. Das Muster des Papieres zeigt blaue parallele Linien von ca. 1 mm Breite mit Zwischenräumen von ca. 2 mm. Über der Breite von jeweils vier solcher Linien sind 2 mm breite, sichelförmige Ornamente aufgedruckt, die an ihrer konvexen Seite neun kleine Spitzen zeigen; farblich wechselnd zwischen dem Indigo-Blau der Linien und karminrot.

Die Schubladen haben Einlasschlösser mit quer liegenden Schlüssellöchern. Die elliptischen Schlüsselschilder und die mittig in den Seitenfeldern liegenden Zugringe, die mit Splinten durch auf der Spitze stehenden, quadratischen Zierblechen am Vorderstück fixiert werden, sind in Messing gearbeitet. Die Scharniere der Schreibschubladenplatte und deren Befestigungsnagel sind aus gebläutem Eisen.

Datierung

Die Blütezeit des Band- oder Bandelwerkes, das sieh unter dem Einfluß der französischen Régencezeit nach den Vorlagenstichen von Jean Berain d.Ä. (1640—1711) als beliebtes Dekorationsmotiv durchgesetzt hatte, lag in Deutschland in der Zeit zwischen 1715 und 1725. Auch das erste häufigere Auftreten des Möbeltyps der Kommode wird in Deutschland nicht vor den zwanziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts gesehen  (Anm.: Heinrich Kreisel, Georg Himmelheber, Die Kunst des deutschen Möbels, Bd. 2, München 1983, S. 10ff., Abb. 70.).

Eine weitere Hilfe bei der zeitlichen Einordnung des Objektes war die Untersuchung des in die Schübe eingeklebten originalen Modelpapiers  (Anm.: Albert Haemmerle, Buntpapier - Herkommen, Geschichte, Techniken, Beziehungen zur Kunst, München 1961, S. 58ff.). Nach Mitteilung der Bayrischen Staatsbibliothek in München ist die Entstehungszeit des Papiers in die erste Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts zu datieren  (Anm.: Für seine freundliche Unterstützung danke ich Herrn Dr. H. Bansa von der Bayerischen Staatsbibliothek, München.).

Eine dendrochronologische Untersuchung des Konstruktionsholzes ergab eine eindeutige Datierung der Fichte mit dem End-, bzw. Fälljahr 1709. Das Ergebnis läßt sich im Computer anhand einer Synchronlage zur süddeutschen Fichtenstandardkurve des Zeitraumes von 1660— 1709 absichern.

Da aus technischen Gründen von einer Ablagerungszeit des Holzes von einigen Jahren ausgegangen werden muß, ist von einem möglichen frühesten Herstellungsbeginn des Möbels um ca. 1715 auszugehen. Der späteste Zeitpunkt für den Bau eines Möbels kann nicht eindeutig definiert werden, da die stilistische Verschleppung in der formalen Ausbildung theoretisch über Jahrzehnte dauern kann  (Anm.: Jonny Stadler, Die Kunsthandwerkerfamilie Voit. In: Kunst und Antiquitäten, Heft 6/1990, S. 14—19.). Bei Annahme eines normalen Herstellungsverlaufes aber, der aus ökonomischen Gründen eine auf max. ca. 10 Jahre begrenzte Lagerung des Konstruktionsholzes plausibel erscheinen läßt, wird die Entstehungszeit der Schreibkommode in den Jahren von ca. 1715—1725 vermutet.

Konstruktion (Abb. 4)

Abb. 4: Objekt, Konstruktionzeichnung Frontal- und Höhenschnitt 
(Computergrafik, annähernd maßstabsgetreu)
Abb. 4: Objekt, Konstruktionzeichnung Frontal- und Höhenschnitt (Computergrafik, annähernd maßstabsgetreu)

Die Korpusseiten sind mit beidseitiger Feder in die Platte eingegratet und von oben durch Holznägel fixiert. Vermutlich ist die Platte nach dem Zusammenbau des Möbelkorpus furniert worden. In den Boden sind die Seiten, einseitig abgesetzt, eingefedert. Unter den Boden sind seitlich und vorn Bretter holzgenagelt, die seitlich die Leimfläche der hier ebenfalls holzgenagelten Sockelprofile bilden; vorn schließt ein Anleimer in der Gesamtdicke von Boden und untergenageltem Brett an, der hier das Profil trägt. In der gleichen Holzdicke sind vorn innen an die Seiten Kanthölzer geleimt, die die Lisenen bilden und durch die Bodenpartie, die hier ausgeklinkt ist, bündig abschließend hindurchführen. Oben sind die Lisenen eingezapft in ein vorn und seitlich unter der Platte umlaufendes Brett, durch welches die Platte die notwendige Dicke erhält, um das Plattenrandprofil aufnehmen zu können. Unter der Platte sind zwei Kippleisten mit geschmiedeten Nägeln befestigt. Die hinten abgezahnte Rückwand ist bündig in die Seiten gefalzt und hier holzgenagelt, in die Platte eingefedert, stumpf von hinten über den Boden gesetzt und dort mit geschmiedeten Eisennägeln fixiert. Die Füße sind mit Gewindezapfen in die Bretter des Bodens und die untere Streifleiste geschraubt.

Die Laufleisten sind mit beidseitigem Grat in die Seiten eingearbeitet und mit den Traversen durch zusätzlich vernagelte Überplattungen verbunden; die Streifleisten sind hier stumpf aufgesetzt. Die Schubladen sind offen gezinkt, die Böden stumpf holzgenagelt; sie stehen hinten über und stoppen die Schübe so an der Rückwand, daß die Vorderstücke bündig in der Möbelfront fluchten. Das Mittelfeld der Vorderstücke ist durch eine Aufdoppelung um ca. 12 mm vorgezogen.

Die oberste Schublade hat seitlich und vorn Aufdoppelungen unter dem Boden, die bündig mit den Seitenstucken abschließen. Das Vorderstück steht um das Dickenmaß der Aufdoppelung nach unten über den Boden über und ist an der Rückseite mit diesem Maß ausgefälzt. Die vordere Aufdoppelung ist um das gleiche Maß nach hinten versetzt, so daß die stehengebliebene Unterkante des Vorderstückes hier genau paßt. Außerdem ist das Vorderstück am Zinken grund abgetrennt und mit Scharnieren an den Boden der Schublade angeschlagen. Durch die beschriebene Konstruktionsweise läßt sich das Vorderstück rechtwinklig herunterklappen und bildet mit der Innenfläche des Bodens eine Ebene. Im geschlossenen Zustand wird das Vorderstück innen von beweglichen, mit Ösen versehenen Eisenhaken gehalten, die mit geschmiedeten Nägeln an den Seitenstücken fixiert sind. An der Rückseite des Vorderstückes rasten diese Haken in eingeschraubte Eisenösen ein.

Genau von der Mitte des Seitenstücks ist dieses an der Oberkante bis zum Hinterstück ausgeklinkt. Durch einen aufgenagelten Oberboden entsteht so ein Fach. Bei diesem sind zusätzlich rechts und links ein Viertel der Schubladenbreite durch in Boden und Oberboden eingefederte Zwischenwände vertikal abgetrennt. Hier finden sich je zwei kleine Schubladen, von denen die oberen auf einem in Zwischenwand und Seitenstück eingenuteten Zwischenboden laufen, der auch als Traverse dient. Diese Schübe sind ebenfalls offen gezinkt und haben einen stumpf aufgesetzten Boden.

Technischer Befund — Zustandsbeschreibung

Abb. 5: Vorderansicht vor der Restaurierung
Abb. 5: Vorderansicht vor der Restaurierung

Bei dem zu restaurierenden Objekt hat eine wesentliche Reduzierung der originalen Substanz stattgefunden (Abb. 5). Auf eine detaillierte Beschreibung kleinerer Schäden soll hier verzichtet werden. Es wird aktiver Anobienbefall festgestellt.

Verlust Originalsubstanz:

Die Platte ist an allen vier Seiten gekürzt, die Füße, die Plattenrandprofile, die gesamte Plattenmarketerie, die in die Platte führenden Zapfen der Frontstollen, drei der vier kleinen Schubladen des Eingerichtes der Schreibschublade und alle Schlösser, Schlüssel, Zuggriffe und Schlüsselschilder fehlen.

Plattenrandprofile

Von den Plattenrandprofilen ist lediglich ein ca. 5—6 mm dicker Streifen Nußbaumholz an der Plattenvorderkante erhalten; es läßt sich die exakte Höhe des Profils hier messen. Auffällig ist, daß das Profil aus zwei Teilen zusammengesetzt wurde.

Plattenmarketerie

Ein plausibler Grund für den Verlust der Plattenmarketerie und der Kantenprofile läßt sich nicht finden. An die Seiten der Platte sind mit Nägeln unseres Jahrhunderts Nadelholzleisten grob angeschlagen. Die Platte ist beidseitig um ca. 10—12 mm neben der Gratnut (siehe Konstruktionsbeschreibung) abgesägt, wobei die äußeren Nutwangen zum größten Teil abgeschert sind und fehlen.

Auf der Platte sind zwei Farbschichten, eine weiße Ölfarbe unseres Jahrhunderts, darunter eine braune Maserierung, vermutlich aus dem 19. Jahrhundert (Abb. 6).

Abb. 6: Kommodenplatte, linke Seite nach der Freilegung, recht Seite 
mit zwei späten Übermalungen
Abb. 6: Kommodenplatte, linke Seite nach der Freilegung, recht Seite mit zwei späten Übermalungen
Abb. 7: Detail freigelegt Platte mit Ritzspuren des Herstellungsvorganges 
der verlorenen Marketerie
Abb. 7: Detail freigelegt Platte mit Ritzspuren des Herstellungsvorganges der verlorenen Marketerie
Abb. 8: Detail Platte, Ritzspuren (1) und Furniernagellöcher (2) in der 
Vergrößerung
Abb. 8: Detail Platte, Ritzspuren (1) und Furniernagellöcher (2) in der Vergrößerung

 

Nach Abnahme der beiden Schichten werden auf dem frei liegenden Blindholz eingeritzte, mehr oder weniger klar definierte Linien erkennbar. Diese verlaufen z.T. kantenparallel im Abstand von a. 15 mm als ca. 2 mm auseinanderliegende Doppellinien, z.T. auf den ersten Blick scheinbar regellos auf der Fläche in unterschiedlichen Längen (Abb. 7). Direkt an den Linien lassen sich kleine viereckige Löcher erkennen, die immer an der zur Plattenaußenkante weisenden Seite der Linien sind (Abb. 8). Genau zwischen die zwei Doppellinien passend, finden sich rechtwinklig verlaufende kurze Linien, die in annähernd gleichmäßigen Abständen aufeinanderfolgen.

Abb. 9: Furniernagel nach Roubo
Abb. 9: Furniernagel nach Roubo
Abb. 10: Schultermesser nach Roubo
Abb. 10: Schultermesser nach Roubo
Abb. 11: Einschneiden der Fadennuten mit dem Schultermesser bei der 
Herstellung der Plattenmarketerie-Ergänzung
Abb. 11: Einschneiden der Fadennuten mit dem Schultermesser bei der Herstellung der Plattenmarketerie-Ergänzung

 

Bei allen diesen Linien handelt es sich um die Verarbeitungsspuren des Marketerievorganges. Die Reihenfolge der Herstellung der Marketerie läßt sich rekonstruieren. Zuerst wurden die vier durch eine Kreuzfuge getrennten Partien des Mittelfeldes aufgeleimt. Danach das erste Band inkl. des Breitenmaßes der Faden; da sich o.g. viereckige Löcher immer an der Außenkante dieser Bänder befinden, ist es naheliegend, anzunehmen, daß es sich dabei um die Spuren feiner, geschmiedeter Nagel handelt  (Anm.: André Jacob Roubo (1739-1791), L’art du menuisier, Bd. I-III, Paris 1769—1774, Tafel 295, Fig. 4, 5, 7, 8.)(Abb. 9), mit denen die Bänder mit einer sauberen Fuge gegen das Mittelfeld gepresst wurden. Erst nach dem Fertigstellen der Marketerie sind dann die Fadennuten mit dem Schultermesser  (Anm.: A.J. Roubo, a.a.O., Tafel 293, Fig. 11, 12.)(Abb. 10 und Abb. 11) und feinen Spezialhobeln  (Anm.: A.J. Roubo, a.a.O., Tafel 290, Fig. 11, 12, 13.) oder Aushebern nachträglich aus den Bändern herausgearbeitet worden. Dabei wurde das Furnier bis auf das Blindholz durchgetrennt, so daß ein Abbild der Marketerie eingeritzt blieb. Die übrigen quer und z.T. im Winkel von 450 verlaufenden Verarbeitungsspuren sind an Stellen entstanden, wo die Bänder längsgefügt wurden.

Abb. 12: Anfertigung der Pauszeichnung nach den Ritzspuren der 
verlorenen Plattenmaketerie
Abb. 12: Anfertigung der Pauszeichnung nach den Ritzspuren der verlorenen Plattenmaketerie

Mit einer Pauszeichnung werden die vorhandenen Spuren kopiert (Abb. 12), und es erscheinen die Konturen eines Furnierbildes, das einem verfeinerten Abbild der Seitenmarketerie gleicht (s. o., Beschreibung). Durch eine Verbindung der Linienfragmente lässt sich nach dieser Pause eine Konstruktionszeichnung der Plattenmarketerie herstellen.

Oberflächenüberzug

Auf der Holzoberfläche liegt ein transparenter Lack bräunlicher Färbung, der viele Staubeinschlüsse hat und z.T. schollenartig abgeplatzt oder runzelig zusammengezogen ist. Unter dem Auflichtmikroskop (10x, 40x)  (Anm.: Mikroskopische Untersuchungen mit Olympus Stereoauflichtmikroskop VMT-4; Kaltlichtquelle Olympus Highlight 2000.) werden helle Bruchkanten, Blaseneinschlüsse und eine Porenfüllung in der Farbe des Lackes sichtbar. Im nahen UV-Ficht (320—400 nm) läßt sich der ethanollösliche Lack zu einer hellgrauen, leicht grünlichen Fluoreszenz anregen  (Anm.: Horst Dieter Jach, Lassen sich historische Möbel mit Nitrozellulosepolitur restaurieren?, Arbeitsblätter für Restauratoren, Mainz 1980/1, S. 1ff.).

Abb. 13: Ausschwitzen von Wachsfragmenten einer frühen oder orginalen 
(?) Oberflächenveredelung mit dem Warmluftfön
Abb. 13: Ausschwitzen von Wachsfragmenten einer frühen oder orginalen (?) Oberflächenveredelung mit dem Warmluftfön

Nach der Abnahme des Lackes wird bei einer Erwärmung des Furnierholzes an einer Maserpartie eine Wachsausschwitzung (Abb. 13) beobachtet. Dieser Vorgang läßt sieh an anderen Furnierpartien wiederholen. Da die Holzoberfläche vermutlich noch nicht mechanisch gedünnt wurde (siehe: Technischer Befund Beschläge), wird vermutet, daß es sich um Reste einer sehr frühen, vielleicht der originalen Oberflächenveredelung handeln könnte.

Füße

Von den originalen Füßen werden nur, durch Anobienbefall stark reduzierte Reste der Gewindezapfen in den hierfür vorgesehenen Schraublöchern gefunden. Um diese Löcher sind Abdruckspuren der Füße erkennbar.

Drei der vier kleinen Schubladen der Schreibschublade fehlen, eine ist komplett mit ihrem originalen gedrechselten Zugknopf erhalten.

Innenschubladen der Schreibschublade

Die Furnierstärke beträgt auf dem gesamten Objekt ca. 2,5—3 mm; nach der Ausbildung der plastischen Patina zu urteilen, ist die Holzoberfläche wahrscheinlich noch nie abgezogen worden. Diese Annahme wird unterstützt durch die im Bereich der Zuggriffbleche und der Schlüsselschilder gefundenen dunkel gefärbten Abdruckspuren, die vermutlich auf Oxidationsprozesse des jeweiligen Metalles mit den Inhaltsstoffen des gerbsäurehaltigen Nußfurniers zurückzuführen sind. Bei genauer Beobachtung stellt sieh heraus, daß diese Spuren von zwei unterschiedlichen Beschlagsgarnituren stammen müssen.

Beschläge

Im Bereich der Zuggriffe (Abb. 14) hat an einer Stelle eindeutig ein runder, fast die ganze Höhe des Marketerieinnenfeldes bedeckender Beschlag gesessen, der unten mit einem Nagel befestigt wurde und an dessen Oberkante ein Loch war, das durch das Vorderstück hindurchführte. Nach den quergeriffelten Abdruckspuren am Rand dieses Loches zu urteilen, saß hier ein Zugring in einer Öse. Es muß sich dabei um einen Beschlag des ausgehenden achtzehnten oder des ersten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts gehandelt haben. Weiterhin ist an dieser Stelle ein auf der Spitze stehendes Quadrat erkennbar, das an den originalen Beschlag auf dem Wolfenhüttler Parallelobjekt (Abb. 15; s. u. Parallelobjekte) erinnert, aber um 6 mm verlängerte Seiten hat. Die Löcher zur Aufnahme der Zugringhaltesplinte sind für in unserem Jahrhundert hinzugefügte Holzknöpfe vergrößert worden. Auf der Hinterseite des Vorderstückes der oberen Schublade zeichnen sich die Druckspuren umgeschlagener Haltesplinte im Holz ab; sie finden sich auch unter der originalen Papierbeklebung (Abb. 16).

Abb. 14: Detail Schubladenvorderstück, Abdruckspuren des orginalen 
Zugriffschildes
Abb. 14: Detail Schubladenvorderstück, Abdruckspuren des orginalen Zugriffschildes
Abb. 15: Zuggriffring und -schild des Parallelobjektes aus dem 
Wolfenbüttler Schloß
Abb. 15: Zuggriffring und -schild des Parallelobjektes aus dem Wolfenbüttler Schloß
Abb. 16: Zuggriffring und -schild des Parallelobjektes aus dem 
Wolfenbüttler Schloß
Abb. 16: Zuggriffring und -schild des Parallelobjektes aus dem Wolfenbüttler Schloß

 

Abb. 17: Detail Schubladenvorderstück, Abdruck des orginalen 
Schlüsselschildes
Abb. 17: Detail Schubladenvorderstück, Abdruck des orginalen Schlüsselschildes

Um die Schlüssellöcher lassen sich Abdruckspuren eines runden und eines ovalen, mit kleinen halbkreisförmigen Verlängerungen an den Seiten versehenen Beschlages sicher identifizieren (Abb. 17). Letzterer erinnert wieder sehr stark an den Beschlag der Wolfenbüttler Schreibkommode (s. u., Parallelobjekte).

Diese mit den Beschlagformen des Parallelobjektes korrespondierenden Umrißfragmentlinien haben eine vergleichbare farbliche Ausbildung und Abdrucktiefe und lassen sich deshalb zeitlich einander zuordnen.

Die originalen Eisenhaken und -ösen der Verriegelung des Schreibschubladenvorderstückes sind stark korrodiert.

Buntpapier

In die Schubladen sind über dem originalen Buntpapier, das größere Fehlstellen aufweist, verschiedene Tapeten des zwanzigsten Jahrhunderts aufgeklebt. An der Unterseite des gedrechselten Zugknopfes der Innenschublade der Schreibschublade werden als Indiz für die frühere Überklebung des Vorderstückes originale Buntpapierreste gefunden.

Regionale Zuordnung/Maßanalyse

Um eine Rekonstruktion der vielen fehlenden Objektpartien (siehe Technischer Befund) vornehmen zu können, mußte zwangsläufig eine genaue regionale Zuordnung des Möbels erfolgen. Nur das Auffinden ähnlicher Objekte in Museen oder Sammlungen ließ eine Hoffnung auf adäquate Ergänzungsarbeit überhaupt erst möglich erscheinen. Da in der Literatur und bei Recherchen kein vergleichbares Objekt gefunden werden kann, wird eine gemeinsam mit einem Kollegen  (Anm.: Mein besonderer Dank gilt William Jürgenson aus Lauffen a. Neckar, Cembalo- und Orgelbauer, Musikinstrumenterestaurator, der ausgehend von der Erkenntnis, daß die »alten« Orgelbauer Proportionsschemata und ganze Zahlen bei ihrer Prospektgestaltung benutzten, schon 1969 bei der Restaurierung der historischen Johann-Victor Gruol Orgel in Bissingen/Teck den Versuch einer Maßanalyse unternommen hat. Es mußten einige Teile, für die es keine Parallelstücke in Gruols anderen Orgeln gab, rekonstruiert werden. Deshalb hat er zuerst dessen Maßeinheit gesucht, indem er möglichst viele Teile des Instrumentes vermessen und für sich rechnerisch einen gemeinsamen Nenner ermittelt hat. Dabei ist das württembergische Zoll herausgekommen — allerdings wußte er zu dieser Zeit fast nichts über historische Maße. Nach der aufgestellten Tabelle konnte er die zu ergänzenden Teile wenigstens in dem korrekten Massystem herstellen. Ermutigt durch diesen Erfolg hat er Tasten und Pfeifenmensuren der Bissinger Orgel daraufhin untersucht und auch hier festgestellt, daß es sich um glatte Zahlen und ganzzahlige Proportionen handelt und nicht um Geheimwissenschaft oder Willkür, wie meist angenommen. Die Erfahrungen seiner seither bei jeder Restaurierung mit dem Taschenrechner durchgeführten Maßanalysen waren der Ausgangspunkt für die Anwendung und Weiterentwicklung dieser Methode im Rahmen der Restaurierungsarbeiten an der Braunschweiger Schreibkommode.) geborene Idee weiterentwickelt, die zum Ergebnis den Versuch der regionalen Herkunftsbestimmung bei historischen Möbeln mit Hilfe eines Computerprogrammes hat.

Das neuartige Verfahren basiert auf der Überlegung, daß im Möbel vorhandene Parameter zur Untersuchung genutzt werden, die über die übliche, bloß formal vergleichende Betrachtung hinausgehen. Es handelt sieh hierbei um Größen, die ihren Ursprung in der territorialen Aufgliederung des deutschen Kulturraumes nach 1648 hatten. In den nahezu 2000 souveränen Herrschaften und Fürstentümern sowie den 83 freien Reichsstädten kam es zur Ausbildung einer Unzahl von lokalen Maß- und Gewichtssystemen, die für die einzelnen Handwerke bindend waren  (Anm.: Hans Joachim von Alberti, Maß und Gewicht, Berlin 1957, s. 82f.: Erst am 1.1.1872 fand die Festlegung der »Einheitlichen Maß- und Gewichtsordnung des deutschen Reiches« durch Reichsgesetze statt.).

Nachweislich ist es im achtzehnten Jahrhundert zu Kontrollen der Maßstäbe (Abb. 18) bei Schreinern gekommen  (Anm.: Harald Witthöft, Umrisse einer historischen Metrologie zum Nutzen der Wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Forschung, Bd. 2 (Veröffentlichungen des Max-Planck- Institutes für Geschichte 60/2), Göttingen 1979, S. 662 u. 663.). Allerdings waren die diesbezüglichen Regelungen und Verhältnisse im Reichsgebiet sehr unterschiedlich strukturiert.

Abb. 18: Verschieden Lüneburger Maßstäbe des 18./19. Jahrhunderts (von 
links nach rechts):
	Gesamtlänge 115,7 cm; markiert »Hannover«, 
	Gesamtlänge 57,5 cm; 24 Zoll, markiert »1761«, 
			Gesamtlänge 57,3 cm; 24 Zoll, 
	Gesamtlänge 32,3 cm; markiert »Paris«, »Hannover«, 
		»London«, »Rhineland«
Abb. 18: Verschieden Lüneburger Maßstäbe des 18./19. Jahrhunderts (von links nach rechts): Gesamtlänge 115,7 cm; markiert »Hannover«, Gesamtlänge 57,5 cm; 24 Zoll, markiert »1761«, Gesamtlänge 57,3 cm; 24 Zoll, Gesamtlänge 32,3 cm; markiert »Paris«, »Hannover«, »London«, »Rhineland«

Die auch aus der Betrachtung des historischen Musikinstrumentebaus bekannte Grundidee  (Anm.: Herbert Heyde, Musikinstrumentebau, Wiesbaden 1986, S. 68ff.), hat zu der begonnenen Entwicklung der Bestimmungsmethode geführt, mit Hilfe der statistischen Analyse der Maße historischer Werkstücke herauszufinden, in welcher Region diese wahrscheinlich gefertigt worden sind. Die Berechnungsgrundlage bilden 102 historische Zoll- und Linienmaße unterschiedlicher Regionen Deutschlands, die aus verschiedenen Quellen aus dem achtzehnten, neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert entnommen sind  (Anm.: H. Heyde, a.a.O., S. 71ff.).

Es bleibt anzumerken, daß der experimentelle Charakter des Projektes u.a. durch den aktuellen Stand der historischen Metrologie  (Anm.: Harald Witthöft, Vom Maßwesen im Deutschen Reich: Stadtgeschichte als Zivilisationsgeschichte, (Siegener Studien, Bd. 47) Essen 1990, S. 41ff. Für seine Anregungen danke ich Herrn Prof. Dr. Harald Witthöft, Universität Siegen.) bedingt ist, da erst seit 1979/80 im Rahmen eines Forschungsvorhabens mit der umfassenden Bearbeitung der Quellen und Darstellungen zur Geschichte von Maß und Gewicht im Gebiet des deutschen Reiches begonnen wurde  (Anm.: Forschungsvorhaben an der Universität- Gesamthochschule Siegen, Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte; gefördert durch die Volksswagenstiftung und die Deutsche Forschungsgemeinschaft.). Das Ziel begleitender Forschungsprojekte ist vornehmlich »... die Beweisführung, daß das ältere Maß- und Geschichtswesen natur- und objektgebunden, dennoch aber grundsätzlich umfassend systematisch, logisch und exakt war und Kontinuität besaß«  (Anm.: H. Witthöft, Vom Maßwesen..., a.a.O., S. 43—44.).

Mit dem Satz »Alle Dinge sind Zahlen» hat schon Pythagoras darauf hingewiesen, daß die Mathematik nicht bloß eine Sprache zur Beschreibung der Natur, sondern in der Natur selbst enthalten ist. Die Funktion des menschlichen Intellekts ist das Unterscheiden, Messen, Kategorisieren, deren Ergebnisse sind immer relativ und approximativ. Die durch Beobachtung und Forschung so gefundenen Entsprechungen organischen Wachstumsmustern in der Natur, den Grundstrukturen der musikalischen Harmonienlehre, den Manifestationen des menschlichen Schaffens in der Architektur und Kunst hat uns ein breites Wissen über die Gesetzmäßigkeiten von Proportionen und Maßverhältnissen vermittelt, die den gesamten Kosmos unserer Wahrnehmungsfähigkeit durchdringen  (Anm.: Gyorgy Doczi, Die Kraft der Grenzen, München 1987; Rob Krier, Über architektonische Kompositionen, Stuttgart 1989.). Diese Naturgesetze haben sicherlich auch immer das Maßdenken des Menschen in Relationen stattfinden lassen, wie es siech dann in der Möbelkunst als Übertragung der klassischen Säulenordnungen und Architekturideale beispielsweise in der Ausgestaltung von süddeutschen Fassadenschränken  (Anm.: Hildegard Hoos, Süddeutsche Fassadenschränke. In: Weltkunst Nr. 22, 11/1990, S. 3850ff.) oder der Meisterrißbeschreibungen der Mainzer Schreinerzunft  (Anm.: Heidrun Zinkann, Meisterstücke — Mainzer Möbel des 18. Jhdts., Frankfurt a.M. 1988, S. 73ff.) niedergeschlagen hat. Eine Berücksichtigung dieser Proportionsaspekte müßte bei einer vertiefenden Forschung zur Maßanalyse von historischen Möbeln stattfinden.

Es ist naheliegend, daß Schreiner aus gesetzlichen Gründen, die entweder von starken Zünften oder durch die feste Hand der territorialen Staatsbürokratien vertreten wurden, prinzipiell eine Einhaltung der Maßbestimmungen vornahmen. Der in der technischen Notwendigkeit begründete Zwang zur exakten, maßgenauen Fertigung von Möbeln erforderte ein rationelles und ökonomisches Arbeiten. Hieraus folgert auch die Annahme, daß Schreiner aus Gründen des einfacheren Umganges mit ihren Werkstücken bei der Konstruktion derselben normalerweise glatte, einfache Maße benutzt haben, Maße also in ganzen Zahlen und einfachen Brüchen.

Bei den Maßen des Fußes, des Zolls und der Linie handelt es sich um Maßgrundlagen. die in Ihren Wurzeln auf eine Zeit zurückreichen, in der der menschliche Körper selbst als Maßstab für die herzustellenden Gegenstände diente.

Der Fuß, Foot, Foeten, Footland, Voet, Voeten, Holt-Voet ierfoet, ierdfoet, Schoe, Schoh, Schuh, lat. pes, pede, war hei vielen Völkern das Grundmaß der Länge. Nach dem natürlichen Verhältnis zur Größe seines Trägers schwankte es zwischen 25 und 34 cm. Der Daumen, Dum, Duhm, Duim, Toll oder Zoll, die Breite des häufig zum Überschlagen kleiner Längen gebrauchten vordersten Daumengliedes (»Über den Daumen peilen«), galt für ein zwölftel Fuß. Die Linie, Gerstenkorn oder Gran, etwa zwei Millimeter lang, machte einen zwölftel Daumen aus und war, rein rechnerisch und praktisch kaum angewandt, in zwölf Skrupel eingeteilt  (Anm.: Bernhard Uphoff, Ostfriesische Maße und Gewichte, Teil 1, S. 14ff., (Quellen zur Geschichte Ostfrieslands, Bd. 9) Aurich 1973.).

Als geeignete Vermessungssmethode erscheint die Anwendung digitaler Meßschieber auch größerer Längen (max. 1000 mm), die ein zügiges und sehr genaues Ablesen vieler Maße ermöglicht. Dieses dient der Schaffung von größeren Datenketten besonders für jene Objektpartien, die durch ihre Herstellungsmodi bedingt, erfahrungsgemäß weniger konstante Maßhaltigkeit haben als andere Partien. So sind von Hand gehohelte Profile eher als weniger exakt gefertigt einzuschätzen als lichte Maße zwischen Konstruktionspartien, wie z.B. Traversenzwischenräumen oder das lichte Maß in Schubladen. Durch die Datenkettenbildung können Mittelwerte errechnet werden, die dann auch für a priori variierende Maße die Zuverlässigkeit der Aussage erhöhen.

Weiterhin sind bei der Vermessung die Aspekte zu berücksichtigen, die durch handwerkliche Gesetzmäßigkeiten bestimmte maßverändernde Wirkungen haben. So muß ein Schreiner beispielsweise beim Verputzen der Zinkenverbindung oder beim Einpassen einer Schublade die Holzdicken reduzieren. Eine Messung an den Schubladenkorpusecken ist deshalb unzweckmäßig. Bei der Vermessung marketierter Möbel müssen die u.U. bei früheren Überarbeitungen erfolgten Reduzierungen des Furniers berücksichtigt werden, bzw. eine ausschließliche Vermessung des Konstruktionsholzes erfolgen. Rahmende Außenpartien von Marketerien beispielsweise sind in der Regel nur unzuverlässige Datenspender, weil die Hersteller selbst hier zumeist vermitteln mußten.

Als Berechnungsgrundlage für das Programm dienen zum jetzigen Zeitpunkt die in der obenstehenden Tabelle mit ihren Quellen und deren Entstehungszeitpunkt aufgeführten historischen Maßsysteme, die in loser Reihenfolge nach ihrem ungefähren regionalen Zusammenhang sortiert sind.

Funktionweise Maßanalyseprogramm:

Die jeweiligen regionalen Längen des Zolls oder der Linie werden für die Durchführung der Analyse in Millimeter umgerechnet. Die als durch nachträgliche Eingriffe unverändert erscheinenden Partien eines Werkstückes sind ebenfalls in Millimetern Vermessen worden.

Das Rechnerprogramm  (Anm.: Für die erfolgreiche Zusammenarbeit bei der Entwicklung und Programmierung der Software danke ich Herrn Frank C. Müller, Leimen.) führt die Vergleichsarbeit der aus dem Objekt gemessenen Werte mit den 102 Quellmaßen durch und gibt zum Schluß eine sortierte Analyseliste aus. Je weiter oben auf der Liste eine Region steht, desto wahrscheinlicher ist es, daß das Werkstück auf Maßgrundlagen, die den in dieser Region geltenden gleichen, angefertigt worden ist. Die in der ersten Spalte neben der Positionszahl angegebenenen Zahlen repräsentieren die ermittelten Abweichungen der Meßwerte von “glatten Maßen”. Je näher sie bei Null liegen, umso ähnlicher sind die Meßwerte des Werkstücks den Maßen oder dem Vielfachen der Maße der jeweiligen Region. Rechts neben dieser Spalte erscheinen die jeweiligen Zollmaße zu den ganz rechts aufgelisteten Regionen.

Zur Verdeutlichung der Vorgehensweise folgt nun die Darstellung eines signifikanten Beispiels aus der nachfolgend beschriebenen experimentellen Vermessungsreihe:

Möbel: Stollenschrank aus einem Paar
Zuschreibung: Johann Gottfried Heinrich Grahl
Standort: Schloß Pillnitz/Dresden
Einheit: Zoll
Meßwerte: 143

Die ersten siebzehn Plätze der Analyseliste beispielhaft dargestellt:

1 0,090538 23,59 Sachsen-Meinigen
0.090538 23,59 Wittenberg
0,090538 23,59 Erfurt
0.090538 23,59 Dresden 1
2 0,091021 3,6 Dresden 2
3 0,093914 3,63 Magdeburg (Sachsen-Anhalt)
4 0,094356 23,55 Sachsen-Gotha 1
0.094356 23,55 Leipzig 3
5 0,095256 23,64 Sachsen-Altenburg
6 0,0958 12 24,24 Wismar
7 0,0958 12 24,24 Stralsund
8 0,095933 24,25 Mecklenburg
0.095933 24,25 Calenberg/Hannover 1
9 0,095985 24,23 Münster
10 0,096559 28,8 Rheinisch 3
11 0,09695 24,21 Koblenz
12 0,096984 24,0 Naumburg
13 0,097201 23,68 Braunschweig 1
0.097201 23,68 Breslau 1
14 0,097234 23,71 Hessen-Homburg
0,097234 23,71 Frankfurt/Main 3
15 0,097343 23,34 Hildesheim
16 0,097659 24,02 Westfalen
17 0,097891 23,99 Lübeck 1
0,097891 23,99 Breslau 2

Die Berechnung ist natürlich durch Holzschwund, durch Meß-und Arbeitsungenauigkeiten der Hersteller und durch Ungenauigkeiten beim Ausmessen des Werkstückes fehlerhaft. Diese Ungenauigkeiten müßten eigentlich als Fehlerrechnung in die Statistik miteinbezogen werden. Praktisch wird dadurch der Grad der Unsicherheit der Abschätzung quantifiziert. In der vorliegenden Programmversion sind diese Fehlerquellen nicht berücksichtigt worden.

Experimentelle Anwendung/Maßanalyse

In einer ersten experimentellen Versuchsreihe wurden einige Möbel vermessen und analysiert, die signiert, regional weitestgehend gesichert oder auch nur unbestimmt lokalisiert sind. Ebenfalls wurden untersuchte und vermessene Objekte aus der Literatur hinzugezogen. Ziel dieser Arbeit war es, festzustellen, ob die den einzelnen Objekten auf Grund ihrer Herkunftsindizien gemachten regionalen Zuschreibungen ihren Niederschlag in den Prioritätenlisten der Maßanalyse-Ergebnisse haben würden. Es handelt sich bei dieser Vorgehensweise um den Umkehrschluß zu den eigentlichen Zielen der Methode, nämlich eine Maßanalyse nicht gesicherter Objekte zu ermöglichen, die in der Regel auch nicht unbedingt höfischen Charakter haben müssen, also eine Lokalisierungshilfe für profane Objekte.

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Als Herkunftsindizien möchte ich bei signierten Möbeln nicht nur den Herstellungsort nennen. Auch die Herkunft des Schreiners, der Ort seiner Ausbildung, die Herkunft seines Ausbilders oder ein längerer Aufenthalt in einer prägenden Werkstatt können bestimmt haben, mit welchen Zollmaßen er seine Möbel konstruierte. Dieses konnte auch gerade bei privilegierten Kunst- und Hofschreinern der Fall gewesen sein, die erst nach ihrer Wanderschaft eine Werkstatt gründeten oder übernahmen und dann u.U. mit ihren mitgebrachten Maßvorstellungen und Meßwerkzeugen arbeiteten, die den dort gültigen Maßbestimmungen dann vermutlich nicht entsprachen. Der Aspekt der Gesellenwanderung ist wahrscheinlich ein wesentlicher Faktor hei der Übertragung von lokalen Maßstrukturen in andere Regionen  (Anm.: Reiner S. Elkar, Wandernde Gesellen...; Handwerker in der Industrialisierung (hg. v. Ulrich Engelhardt), Stuttgart 1984, S. 262—293: Zwischen 1751 und 1798 werden 3053 fremde Gesellen in Nürnberg gezählt, dir dort Arbeit suchen. Das sind durchschnittlich ca. 65 pro Jahr.). Herkunftsindizien an nicht signierten Möbeln können formal-typologische oder archivalische Aspekte sein.

1. Vermessen wurden zwei Damenschreibtische aus Schloß Weikersheim  (Anm.: Für seine freundliche Unterstützung danke ich Herrn Dr. Klaus Merten, Württbg. Landesmuseum/Schloß Ludwigsburg.). Der eine wird Johann Heinrich Vogt zugeschrieben (62 Analysewerte) und auf 1716  (Anm.: Klaus Merten, Schloß Weikersheim, Deutscher Kunstverlag, München 1991, S. 15), bzw. 1730  (Anm.: H. Kreisel, G. Himmelheber, a.a.O. Bd. 2, S. 104, Abb. 250) datiert. Vogt ist in Augsburg ausgebildet worden  (Anm.: H. Kreisel, G. Himmelheber, a.a.O. Bd. 2, S. 104). In der Analyseliste tauchen die drei Augsburger Werte auf Platz 5, 7 und 8 auf. Das zweite Möbel, das wie eine Kopie des Vogt-Möbels erscheint, ohne die reichen Silberbeschläge zu haben, wird auf 1710  (Anm.: Klaus Merten, a.a.O., S. 19) datiert und Philipp Jakop und Georg Christoph Sommer  (Anm.: H. Kreisel, G. Himmelheber, a.a.O. Bd. 2, S. 102f.) aus Künzelsau zugeschrieben (108 Analysewerte). Obwohl die Objekte konstruktionsformal und auch in ihren groben Außenabmessungen gleichartig sind, wurde das Sommer-Möbel nach der Aussage der Analyseliste auf anderen Maßgrundlagen erstellt. Signifikant erscheinen hier unter den ersten 14 Plätzen zwölf sächsische Regional- und Stadt-Zollmaße, die zwischen 23,49 mm und 23,63 mm liegen.

2. Ein im Kunstgewerbemuseum Berlin, Schloß Köpenick  (Anm.: Für seine freundliche Unterstützung auch mit weiteren hier aufgeführten Vermessungen danke ich Herrn Klaus Pelz, Restaurator am Kunstgewerbemuseum Berlin, Schloß Köpenick.) vermessener Prunktisch (29 Analysewerte) von 1684 von Johann Daniel Sommer hat auf den ersten 15 Plätzen 13x Zollmaße, die zwischen 26,04 und 26,28 mm liegen. Auf den Plätzen 1, 2, 5, 6 und 8 finden sich rheinische Zollmaße. Die Biographie des J.D. Sommer weist große Lücken auf; anhand der stilkritischen Betrachtung seines Lebenswerkes gibt es die Vermutung, daß er in frühen Jahren in Paris gearbeitet haben könnte  (Anm.: Georg Himmelheber, Die Möbel des J.D. Sommer; in »Die Künstlerfamilie Sommer« (Hg. Fritz Kellermann), Sigmaringen 1988, S. 121ff.). Vielleicht lag während seiner zünftig vorgeschriebenen mehrjährigen Gesellenwanderschaft auch Straßburg, das eine französische und eine deutsche Gilde besaß  (Anm.: Für diesen und weitere wertvolle Hinweise im Zusammenhang mit dieser Arbeit danke ich Herm Dr. Georg Himmelheber, München.), als nach Paris weiterführende und bedeutende Etappe auf seinem Weg, in der sein Meßverhalten und -werkzeug geprägt wurden?

3. Eine auf 1730 datierte Kommode von Ferdinand Plitzner (77 Analysewerte), jetzt im Germanischen Nationalmuseum  (Anm.: Für seine freundliche Unterstützung danke ich Herrn Dr. Thomas Brachert vom GNM, Nürnberg.) in Nürnberg, wies unter den ersten 16 Plätzen der Analyseliste sechs Werte zwischen 28,64 mm und 29,03 mm auf, und zwar die Plätze 4, 5, 8, 13, 14, 16. Auf Platz 13 ist Hohenzollern (28,64 mm), zu dem auch Ansbach gehörte. Plitzner wurde ab 1702 in der Ansbacher Hofschreinerei des Ebenisten Johann Matusch aus gebildet  (Anm.: H. Kreisel, G. Himmelheber, a.a.O. Bd. 2, S. 80f.).

4. Ein Kabinettschrank mit Puppenküche (46 Analysewerte) von 1730—40 aus dem Kurpfälzischen Museum  (Anm.: Für seine freundliche Unterstützung danke ich Herrn Jochen Koch, Restaurator am Kurpfälzischen Museum in Heidelberg.) in Heidelberg, der für die Lübecker Familie Stolterfoht gebaut wurde, hatte auf Platz 6 der Analysenliste die Region Lübeck 2. Auf Platz 5 sind Wismar und Stralsund, auf Platz 16 ist Rostock. Diese drei Regionen sind Tochtergründungen Lübecks, die die Hansestadt gemeinsam mit dem Deutschritterorden vollzog  (Anm.: H. Heyde, a.a.O., S. 74.).

5. Ein Schreibschrank von Carl Maximilian Mattern (95 Analysewerte) von 1745 aus der Mainfeste  (Anm.: Für seine freundliche Unterstützung danke ich Herrn Dr. Hans-Peter Trenschel, Mainfränkisches Museum Würzburg.) in Würzburg wies auf Platz 3 Koblenz auf. Hier hat C.M. Mattern, nicht genau datierbar zwischen den Jahren 1722—1726, in dem nahe bei Koblenz liegenden Ort Pfaffendorf bei Johann Jacob Arend als Geselle gearbeitet  (Anm.: Hans-Peter Trenschel, Wolf Christian von der Mülbe, Meisterwerke fränkischer Möbelkunst, Würzburg 1982, S. 22ff. und S. 82, Abb. 93-99.).

6. Ein durch die archivalische Überlieferung noch vom Ankauf im 19. Jh. her und durch eine aktuelle Untersuchung  (Anm.: Wolfram Koeppe, Vergessene Meisterwerke deutscher Möbelkunst/Meisterstücke der Breslauer Schreinerzunft ins 18. Jhdt. In: Kunst und Antiquitäten 4/1991, S. 38ff.) nach Breslau lokalisierter Schrank (120 Analysewerte) aus dem GNM Nürnberg erscheint auf Platz 13 mit der Region Breslau 2 (Auf den Plätzen 1, 2, 3 und 7 erscheint Hannover/Calenberg).

7. Aus einundzwanzig vermaßten Konstruktionszeichnungen von Möbeln der Roentgenwerkstatt aus Neuwied am Rhein des Zeitraumes von 1745—90  (Anm.: Dietrich Fabian, Roentgenmöbel aus Neuwied, Bad Neustadt 1986) und zwei in Köpenick vermessenen Roentgenmöbeln ergeben sich die in Tabelle 3 beispielhaft dargestellten Ergebnisse.

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Unter RH1-6 stehen die rheinischen Zollmaße (der rheinische Fuß war das im Rheingebiet und in Norddeutschland verbreitetste überstaatliche Maß  (Anm.: H. Heyde, a.a.O., S. 71.)). Der biographische Bezug von Abraham Röntgen nach England  (Anm.: H. Kreisel, G. Himmelheher, a.a.O. Bd. 2, S. 292ff. D. Fabian, a.a.O., S. 16ff.) bedingt auch die Berücksichtigung von Werten (wobei die Regionen keine Rolle spielen), die vom englischen Zoll = 25,37 mm (Z), um ca. max. +/- 3/10 mm abweichen; M - Mainz 1 = 25,09 mm; B - Bamberg = 25,32 mm, Königsberg - 25,64 mm, H - Hess. Darmstadt = 25,00 mm. Die Spalte Werte gibt die gemessenen Daten an. Aus den 102 Regionen werden nur die ersten fünfzehn berücksichtigt.

Konkret auf das Beispiel der Roentgenmöbel (Tab. 3) bezogen, wird erkennbar, daß sich dem englischen Zoll ähnliche Maße signifikant auf den ersten Analyseplätzen wiederfinden. So tauchen diese Maße auf den ersten drei Plätzen elfmal, auf den ersten zehn Plätzen dreiundzwanzigmal, auf den ersten fünfzehn Plätzen neunzehnmal auf.

Rheinische Zollmaße, die der Herkunft des Werkstattgründers und dem Standort der Werkstatt entsprechen, erscheinen auf den ersten zehn Analyselistenplätzen fünfzehnmal bis zum Jahr 1771, danach aber nur noch vereinzelt. Vielleicht hat dieses etwas mit der offiziellen Übergabe der Manufakturleitung von Abraham an David zu tun  (Anm.: D. Fabian, a.a.O., S. 18.)?

8. Ein Augsburger Fassadenschrank (209 Analysewerte) von ca. 1650—60 aus dem Museum für Kunsthandwerk  (Anm.: Für ihre freundliche Unterstützung danke ich Frau Dr. Hildegard Hoos vom Museum für Kunsthandwerk, Frankfurt a.M.) in Frankfurt am Main weist auf dem Listenplatz 12 Augsburg 2 und auf Platz 14 Augsburg 1 und 3 auf.

9. Eine Altonaer Kommode von ca. 1760 (50 Analysewerte) aus dem Kunstgewerbemuseum Berlin, Schloß Köpenick, weist auf den Plätzen 5, 7, 9, 12, 13, 16, und 20 die Maße norddeutscher Küstenstädte wie Lübeck (5, 13), Bremen (7, 12), Rostock (9) und Hamburg (16, 20) auf.

10. Eine Altonaer Kommode (41 Analysewerte) der Manufaktur Köster  (Anm.: Annette-Isabell Kratz, Altonaer Möbel des Rokoko und Klassizismus, Hamburg 1988, Abb., S. 225, Kat. Nr. 54.), die im Altonaer Museum  (Anm.: Für seine freundliche Unterstützung danke ich Herrn Dr. Christian L. Küster, Altonaer Museum, Hamburg.) Hamburg vermessen wurde, weist auf den Platzen 6, 8, 9, 11, 12 und 13 die Maße norddeutscher Küstenstädte wie Lübeck (6, 8), Bremen (9, 13), Rostock (11) und Hamburg (10, 12) auf.

11. Die folgenden Objekte wurden in Schloß Pillnitz bei Dresden  (Anm.: Für ihre freundliche Unterstützung danke ich Frau Dr. Gisela Haase, Museum für Kunsthandwerk, Dresden, und Herrn Wachs, Restaurator in Schloß Pillnitz.) selbst vermessen. Zwei gleiche, auf 1725 datierte Stollenschränke  (Anm.: Gisela Haase, Dresdner Möbel des 18. Jahrhunderts, Leipzig 1986, Abb. 16 und 17, Katalog-Nr. 21.), die auf Grund einer in einem der beiden Möbel gefundenen Signatur und einer Inventaraufzeichnung aus Schloß Moritzburg von 1733, der Werkstatt des Johann Gottfried Heinrich Grahl zuzuschreiben sind. Die Signatur lautet: »Anno 1725 dem 1.9. ist dieser Schrank gefertigt in Ney Dresden bey Meister Johann Gottfried Heinrich Grahlen bürger und tischler hat ihn aber gemacht ein Schlesinger, ein Hamburger und ein Lübecker...« . Bei der Vermessung werden die Marketeriemaße gesondert aufgeführt, um eine mögliche Arbeitsteilung in zwei wesentlichen Herstellungsbereichen der Schränke nachweisen zu können. Dabei wird vorausgesetzt, daß die unterzeichnenden Schreiner u.U. in ihren gewohnten Maßsystemen gearbeitet haben könnten.

Der eine der beiden Schränke (143 Analysewerte) weist auf den Listenplätzen 1, 2, 3, 4 neun sächsische Regionen oder Städte mit z.T. übereinstimmenden Maßsystemen auf. Eine ausschließlich der Marketeriemaße durchgeführte Analyse (101 Analysewerte) läßt die gleichen neun Regionen in unwesentlich veränderter Reihenfolge auf den Listenplätzen 1, 2, 3, 5 und 6 erscheinen. Die Maßanalyse der Marketeriemaße allein (42 Analysewerte) ergibt die Sortierung von acht sächsischen Regionalmaßen, die fast die gleichen wie bei den ersten beiden Analysedurchläufen sind, auf den Plätzen 4, 5, 9 und 10.

Der in der gleichen Art und Weise maßanalysierte zweite Stollenschrank (166 Analysewerte) weist auf den Listenplätzen 8, 9,10, 13 und 14 die gleichen neun sächsischen Regionen oder Städte wie bei dem ersten Objekt auf. Die Regionen Hamburg 1 und 2 sind auf den Platzen 5 und 6. Eine ausschließlich der Marketeriemaße durchgeführte Analyse (134 Analysewerte) läßt die genannten sächsischen Regionen auf den Platzen 4, 12, 13, 14, 15 und 16 erscheinen. Die Hamburger Regionen sind auf Platz 25 und 27. Die Maßanalyse der Marketeriemaße allein (32 Analysewerte) ergibt eine auseinandergezogene Verteilung der sächsischen Regionen auf den Plätzen 8, 10, 15, 21, 30, 32 und 37. Hamburg 1 und 2 sind auf den Plätzen 1 und 2. Sicherlich ist es denkbar, daß die Marketerie an dem in der Signatur erwähnten Hamburger Schreiner mit dessen Maßdenken und Meßwerkzeug in für ihn gewohnter Manier gearbeitet wurde.

12. Ein Schreibschrank (151 Analysewerte) von ca. 1730 aus Schloß Pillnitz, der vielleicht von dem aus Görlitz stammenden Hoftischler Johann Christoph Schwartze gefertigt wurde  (Anm.: G. Haase, a.a.O., S. 279 und 371, Katalog-Nr. 74a.), hat auf den Plätzen 1, 5, 9 und 14 sieben sächsische Regionen oder Städte mit z.T. übereinstimmenden Maßsystemen.

13. Ein Stollenschrank (51 Analysewerte) von ca. 1720 aus Schloß Pillnitzs  (Anm.: G. Haase, a.a.O., Abb. 12 und 13, S. 261, Katalog-Nr. 18.) hat auf den Plätzen 7, 9, 15, 19 und 20 acht sächsische Regionen oder Städte mit z.T. übereinstimmenden Massysteinen. (Ein Stollenschrank (49 Analysewerte) von ca. 1720 aus Privatbesitz, gleicht dem Pillnitzer Möbel formal außerordentlich. Er weist auf den Plätzen 3, 4, 7, 10, 15, 16 elf sächsische Regionen oder Städte auf.)

14. Von zwei Aufsatzschränken (45 und 43 Analysewerte) von ca. 1750/55 aus Schloß Pillnitz  (Anm.: G. Haase, a.a.O., S. 299 Katalog-Hr. 110.), die vielleicht von dem königlichen Kabinettischler Michael Kimmel gefertigt worden sind, weist der eine auf den Plätzen 3, 5, 6, 8, 9, 14, 15, 16 und 20 zwölf sächsische Regionen oder Städte auf, wobei auf Platz 3 und 5 Leipziger Maßsysteme stehen. Der zweite hat keine signifikant sächsischen Ergebnisse in der Analyseliste. Hat auch hier eine Arbeitsteilung wie bei den unter Punkt 11 beschriebenen Grahlschen Stollenschränken stattgefunden, bei der ein Stück eines sächsischen Meisters von einem Gesellen kopiert werden mußte, der in seinem eigenen Maßdenken handelte?

15. Von zwei Wandschränkchen (67 und 50 Analysewerte) von ca. 1750/55 aus Schloß Pillnitz, hat der eine auf Platz 4 und 10, der andere auf Platz 12 und 13 Leipziger Maßsysteme. Auch hier besteht eine Vermutung, daß die Möbel von Kimmel gearbeitet sein könnten.

16. Ein Schreibschrank (158 Analysewerte) von ca. 1750/55 aus Schloß Pillnitz  (Anm.: G. Haase,a.a.O., Abb. 123,S. 272, Katalog-Nr. 55.), der mehrfach gestempelt ist mit: »Gräfin Zech Börlin bei Leipzig«, hat auf den Plätzen 6 und 7 zwei Leipziger Zollmaße. (Diesem Möbel formal sehr ähnlich ist ein Schreibschrank von 1750/ 55 aus dem Victoria-und-Albertmuseum in London  (Anm.: G. Haase, a.a.O., Abb. 110 und 111, S. 291, Katalog-Nr. 94.), der wage dem genannten Michael Kimmel zugeschrieben wird. Eine Vermessung dieses Objektes soll vermutlich in 1992 erfolgen.)

17. Ein Reiseschreibtisch (61 Analysewerte) von ca. 1720/30 aus Schloß Pillnitz  (Anm.: G. Haase, a.a.O., Abb. 112, S. 291, Katalog-Nr. 95.), der dem Dresdner Hoftischler Peter Hoese zugeschrieben wird, hat auf Platz 3, 5 und 10 (Dresden 2) sächsische Maßsysteme.

18. Als letzte Analyse, wieder überleitend zu dem zu restaurierenden Objekt, steht hier nun das Ergebnis der Schreibkommode (39 Analysewerte), ermittelt mit der damaligen, mit 28 Quelldaten ausgestatteten frühen Programmversion; auf Platz 1 und 8 finden sieh Braunschweig 2 und 1.

Parallelobjekte

Nach diesem Ergebnis der Maßanalyse der Schreibkommode wurden in der Literatur  (Anm.: G. Haase, a.a.O., S. 306, Katalog-Nr. 125.) erste Hinweise gefunden, die das Ergebnis der Maßanalyse festigten. Dabei schieden die sich ebenfalls an erster Stelle der Prioritätenliste findenden Regionen Bremen und Bayern sehr schnell aus.

Abb. 19: Konstruktionszeichnung einer Braunschweiger Kommode aus der 
ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts (Vorderansicht)
Abb. 19: Konstruktionszeichnung einer Braunschweiger Kommode aus der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts (Vorderansicht)

In der schon zitierten Dissertation  (Anm.: H. Kreisel, a.a.O., Bd. II, S. 53ff.; Abb. 83: Marketerie der Türen; Abb. 94: Proportionen des Unterteils.) finden sich die Konstruktionsbeschreibung, Fotos und Schnittzeichnungen eitler Braunschweiger Kommode, die markante konstruktive Parallelen aufweist (Abb. 19).

In einer Publikation aus dem ersten Viertel unseres Jahrhunderts  (Anm.: F. Fuhse, Vom Braunschweiger Tischlerhandwerk -Stobwasserarbeiten, Braunschweig 1925, S. 47, Abb. 21 und 22.) sind zwei Braunschweiger Schreibschränke, 1716 und 1720, datiert, beschrieben und abgebildet, die sowohl formal als auch konstruktiv große Ähnlichkeiten aufweisen. Die Schreibschubladen werden folgendermaßen beschrieben: »... wird der ganze Mittelteil wie eine Schublade vorgezogen und dann die Vorderwand umgelegt, ...« und »... bedeckt den ganzen zum Schreiben bestimmten Raum einer Platte, die an zwei nach oben stehenden Knöpfen nach innen geschoben werden kann. Außerdem läßt sich die vordere Wand waagrecht nach außen legen, so daß man auf diese Weise eine geräumige Schreibplatte erhält.«

Es lassen sich zu diesem Zeitpunkt der Nachforschungen also zwei weitere Braunschweiger Möbel nachweisen, die einen Schreibschubkasten oder ein Schreibfach mit abklappbarer, senkrechter Vorderwand hatten und aus der vermuteten Ursprungszeit und -region stammten.

Der Typus der Schreibkommode ist von englischen Möbeln des ersten Drittels des achtzehnten Jahrhunderts bekannt. So gibt es Kommoden um 1710—25, deren Platten als sogenannte folding-top ausgebildet sind, d.h., daß die doppelt ausgeführte Platte an Scharnieren nach vorn auf Stützen zu klappen ist und so als Schreibplatte dienen kann  (Anm.: Ralph Edwards, The Dictionary of English Furniture, 1954, Abb. 30 und 32.). Auch ein signierter englischer Schreibschrank um 1730 ließ sich recherchieren, bei dem die oberste Korpusschublade als Schreibschublade mit abklappbarem Vorderstück konstruiert ist  (Anm.: The Journal of Furniture History Society, Vol. XXIV, 1988, London, Abb. 18: Secretaire press, walnut, about 1730. Labelled by William Old and John Ody (DFM, p. 662).) (Abb. 21).

Abb. 20: Braunschweiger Aufsatzschrank mit Schreibschublade von ca. 
1720 aus dem Wolfenbüttler Schloß
Abb. 20: Braunschweiger Aufsatzschrank mit Schreibschublade von ca. 1720 aus dem Wolfenbüttler Schloß
Abb. 21: Signierter englischer Scxhreibschrank von ca. 1730 mit 
Schreibschublade (falling-frawer front)
Abb. 21: Signierter englischer Scxhreibschrank von ca. 1730 mit Schreibschublade (falling-frawer front)
Abb. 22: Stich von 1698 (Cornelius Jansz. Meyer), eine Schreibkommode 
mit senkrechter Frontpartie in einem Wohnraum von 1648 
zeigend
Abb. 22: Stich von 1698 (Cornelius Jansz. Meyer), eine Schreibkommode mit senkrechter Frontpartie in einem Wohnraum von 1648 zeigend

 

1714 war mit Georg I. (1660—1727) der Kurfürst von Hannover als Vertreter des Welfenhauses der Linie Braunschweig-Celle zum englischen König gekrönt worden. Möglicherweise ist es über Techniktransfer, durch die politische Bindung begünstigt zu Beeinflußungen und/oder gleichzeitiger Ausbildung dieses Möbeltyps in Braunschweig und England gekommen.

Bei Nachforschungen in England  (Anm.: Einen Hinweis auf mögliche Vorbilder zu dem Möbeltyp der Schreibkommode erhielt ich freundlicherweise von Herrn Peter Thornton, Kurator des Sir John Soanes Museum, London, der sagt: »[... ] the falling drawer front is an unusual feature for a german Piece [...]«, allerdings kann er sich eine Übernahme aus den englischen Herstellungsgepflogenheiten gut vorstellen und hält auch norditalienische Einflüsse für möglich.) erhielt ich als früheste mir bekannte Abbildung eines schreibkommodenähnlichen Objektes einen zeitgenössischen Stich aus »Nuovi ritrovamenti« (1698) von Cornelius Jansz. Meyer (1629—1701), einem reisenden Ingenieur und Erfinder aus Amsterdam. Dieser Stich zeigt eine vierschübige Kommode mit einem Fach, das durch Aufklappen des Oberbodens und Herunterklappen der über drei Schüben liegenden Frontpartie ein Schreibfach bildet, in dem sich vier kleinere Schübe befinden. Inschrift unter dem Stich: »Modo poter hauer in una stanza molte commodita, e Facciata del primo muno di essa«  (Anm.: Furniture History Society, Vol. XXI, 1985, S. 2, Abb. 1, Reprint in der «Architectural Review« von Oliver Bernhard unter dens Titel «A One- Room Flat of 1684«, LXXII (1932), 5. 285-87; Erklärung im Text: »Chest of drawers, with a surface for writing and reading.« Für diese Abbildung danke ich Herrn Simon Jervis und Herrn John Kitchen vom Victoria & Albert Museum, London.) (Abb. 22).

Im Braunschweiger Landesmuseum  (Anm.: Für seine freundliche Unterstützung danke ich dem Möbelrestaurator am BSLM Herrn Horst Dieter Jach.), im Städtischen Museum  (Anm.: Für seine freundliche Unterstützung danke ich Herrn Dr. Franz Joseph Christiani, Oberkustos des Städt. Museums, Braunschweig.)und im Herzog-Anton- Ullrich-Museum  (Anm.: Für seine freundliche Unterstützung danke ich Herrn Dr. Alfred Walz, Herzog-Anton- Ullrich Museum, Braunschweig.) untersuchte ich Braunschweiger Möbel aus dem ersten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts.

Im H.A.U.-Museum findet sieh ein kleines Münzschränkchen, das auf 1736 datiert wird und bei dem der charakteristische Plattenüberstand und die mit Gewindezapfen fixierten Fuse als parallele Konstruktionsmerkmale auftreten.

In der Sammlung des Wolfenbüttler Schloßes  (Anm.: Für seine freundliche Unterstützung danke ich Herrn Dr. Rolf Hagen, Ltd. Museumsdirektor a.D., Schloß Wolfenbüttel.) gibt es drei Schreibmöbel, von denen zwei, die den bei Fuhse beschriebenen (s. o.) vergleichbar sind und in das erste Drittel des achtzehnten Jahrhunderts datiert werden müssen (Abb. 20). Das dritte Objekt hat keinen Aufsatz; zu ihm findet sieh ein entsprechendes Möbel, das allerdings sehr viel hochwertiger gearbeitet ist, im Kunstgewerbemuseum Schloß Kopenick, Berlin. Dieses ist 1694 datiert und trägt den Namenszug AU, für Anton Ullrich, Herzog von Braunschweig  (Anm.: H. Kreisel a.a.O. Bd.l, Abb. 590.). Bei allen drei Objekten funktioniert der Öffnungsmechanismus der Schreibplatte wie bei dem einen, auf 1720 datierten, der durch Fuhse publizierten Schreibschranke (s. o.).

Ähnlichkeiten zu dem zu restaurierenden Objekt sind die Dreiteilung der Front, die streng kastenförmig gestalteten Möbelkorpusse, die Ausführung der Marketerie, die mit Gewindezapfen eingeschraubten Beine, die Ausbildung der Plattenscharniere und Haken, die mit Splinten befestigten Zuggriffe, bestehend aus Ring und Schild und die gedrechselten Zugknöpfe der Innenschubladen. Hauptdekorationselement bildet das Bandwerk, und bei der Holzauswahl hierfür dominieren ebenfalls Nußbaum-, Nußmaser-, Zwetschgenholz und als Fadenholz Ahorn oder Birke. Auch die beiden Aufsatzmöbel sind innen mit Buntpapieren beklebt.

Schließlich stieß ich auf eine fünfschübige Kommode  (Anm.: Das Objekt ist eine Leihgabe aus dem Besitz seiner königlichen Hoheit, des Prinzen von Hannover, Herzogs zu Braunschweig und Lüneburg.), die dem zu restaurierenden Objekt formal äußerst ähnlich ist, und sich bei genauer Betrachtung als Parallelobjekt erweist (Abb. 23). So läßt sieh nicht nur die oberste Schublade durch Herunterklappen des Vorderstückes zu einer Schreibplatte modifizieren, sondern es finden sich auch nahezu sämtliche charakteristischen Konstruktionsdetails wieder (siehe Konstruktionsbeschreibung Objekt).

Abb. 23: Parallelobjekt, Schreibkommode von 1720/30 aus dem 
Wolfenbüttler Schloß
Abb. 23: Parallelobjekt, Schreibkommode von 1720/30 aus dem Wolfenbüttler Schloß

Wesentliche Unterschiede sind lediglich in der Gestaltung der hier im Winkel von 45° über Eck gestellten Frontlisenen und in der Ausführung des Schreibschubladenvorderstückes zu finden. Dieses ist nicht nach dem Zinken abgesagt und an der Unterkante ausgefälzt worden, sondern die vorn gar nicht gezinkte Schublade wurde an der Unterkante des Vorderstückes im Winkel von 45° nach oben abgefast, und der Boden entsprechend bestoßen, so daß das Vorderstück sich abklappen läßt. Außerdem unterscheidet sich die Plattenkonstruktion, die keine untergedoppelten Seiten- und Frontbrettchen (s. o.) hat, somit am Rand wesentlich dünner ist und deren Kantenprofil deshalb auch nur als Platte und Viertelstab ausgebildet ist.

Auch der Schreibschubkasten dieses Objektes ist mit einem Buntpapier, einem sogenannten Kamm-Marmor-Dekor, ausgeklebt. Schlösser und Beschlage sind hier eindeutig noch original, da keine anderen Befestigungsspuren erkennbar sind. Die Platte ist nachträglich an ihrer Hinterkante gekürzt worden, so daß sie bündig mit der Rückwand endet.

Die mittels Gewindezapfen im Boden fixierten Füße sind in einem guten Zustand und zeigen keinerlei Spuren von Anobienbefall, der sich in darüberliegenden Holzpartien, wenn auch geringfügig, findet. Es ist nicht auszuschließen, daß es sich nicht mehr um die Originale handelt. Es konnten allerdings sehr gute Kopien derselben sein.

Restaurierungskonzeption und -maßnahmen

Konsolidierung

Vor Beginn der Maßnahmen wird eine Bekämpfung der Holzschädlinge nach der THERMO- LIGNUM Durchwärmungsmethode durchgeführt. Die physikalische Grundlage dieses Verfahrens ist die Tatsache, daß tierische Proteinmoleküle bei einer mindestens 70minütigen Einwirkungsdauer einer Temperatur von 52°C denaturieren (Heißluftverfahren DIN 68800, Teil 4). Diese Aufgabe wird verfahrensmäßig dadurch gelöst, daß während der mikroprozessorgesteuerten Temperaturbehandlung des Objektes in einer Klimakammer der Feuchtigkeitsgehalt der Luft derart geregelt wird, daß kein oder kein nennenswert veränderter Feuchtigkeitsaustausch zwischen dem Objekt und der Luft erfolgt. Die Holzfeuchtigkeit bleibt in jeder Phase des durch einen Holzkerntemperaturfühler kontrollierbar gemachten Aufheiz- und Abkühlungsprozesses konstant. Dieser über einen Linienschreiber meß- und dokumentierbare Prozeß soll eine giftfreie Bekämpfung, von Schadinsekten in allen Entwicklungsstadien ermöglichen, ohne daß es zu einem Quellen oder Schwinden des Holzes oder einer Veränderung z.B. des Glutinleimes oder anderer organischer Materialien kommt.

Sämtliche desolaten Holzpartien werden mit einer ca. 50ºC warmen Leimstammlösung aus säure- und fettfreiem Hautleim von 45—50 % Leimanteil zu Wasser  (Anm.: ezept entnommen aus: Samuel Wolfenden Gresham, A Treatise of Pianoforte- Construction, London 1916, S. 164f.) neu verleimt; fehlende Furniere werden ergänzt.

Die anobienbefallenen Partien werden mit dem Polymethylmethacrylat Paraloid B-72 stabilisiert, dessen Festigungseigenschaften untersucht sind  (Anm.: Françoise Cuany, Volker Schaible, Ulrich Schießl, Studien zur Festigung biologisch geschwächten Nadelholzes. In: Zeitschrift für Kunsttechnologie und Konservierung 3/1989, Heft 2, S. 276.).

Die Oxidationsprodukte der korrodierten Eisenhaken und -ösen der Schreibschublade werden mit einer Tanninbehandlung  (Anm.: Todor Stambolov, Rolf Dieter Bleck, Norbert Eichelmann, Korrosion und Konservierung von Kunst- und Kulturgrit ans Metall I, Weimar 1987, S. 71f. und S. 81f. Jirina Lehmann, Möglichkeiten der Erhaltung von gefaßten Grabkreuzen, Arbeitsblätter für Restauratoren, 1983, Heft 2, S. 182ff.) in eine stabilere Form überführt.

Plattengröße — Kantenprofile — Marketerie — Ergänzung

Nach der Zeichnung der rekonstruierten Marketerie (s. o.) läßt sich das Furnierbild der Platte mit nur geringen Abweichungen vom Original reproduzieren.

Die seitliche und hintere Verkürzung der Platte wird, unter Erhalt der originalen inneren Gratnutwange, durch überplattet angesetzte Brettabschnitte mit gleichem Faserverlauf ausgeglichen.

Die Gratnut kann entsprechend der originalen Federn der Seiten komplettiert werden.

Die Kantenprofile werden nach den gefundenen Beispielen an Braunschweiger Möbeln der gleichen Entstehungszeit, die fotografisch und zeichnerisch erfaßt wurden, rekonstruiert. An der Front wird das Profil entsprechend dem Befund aus zwei Teilen zusammengesetzt. Die jetzt wieder komplette Platte muß vor der Marketierung verputzt und abgezahnt werden, Fehlstellen werden mit einer Mischung aus Holzstaub, Lykopodium und Hautleim aufgefüllt.

Kriterien für die Holzausswahl der Marketeriefurniere sind Maserungen und Texturen des Furniers von Front und Seite. Hell-Dunkelfrequenzen, wie sie beim Original an den Zwetschgenbänder durch den Wechsel von Splint und Kernanteil entstehen, werden vermessen und dann bei der Holzauswahl berücksichtigt.

Der Vorgang des Marketierens folgt im wesentlichen der vermuteten historischen Arbeitsweise. So wird von innen nach außen mit beidseitig abgezahnten und mit Leimwasser (Stammlösung s. o., 5:1 mit Wasser verdünnt) eingestrichenen Furnieren gearbeitet. Um exakte Gehrungen rationell anstoßen zu können, wird eine Gehrungslade nach historischem Vorbild angefertigt. Die Fäden werden abschließend in die fertige Marketerie u.a. mit einem historischen Schultermesser eingeschnitten (Abb. 10).

Plattenpatinierung — Oberflächenveredelung

Die Farbwirkung der »frischen« Marketerie kontrastiert stark zu der Alterungsfärbung des Objektholzes (Abb. 24) und vermittelt einen Eindruck von der Farbigkeit, die marketierte Möbel dieser Art zu ihrem Entstehungszeitpunkt gehabt haben könnten.

Abb. 24: Farbunterschied zwischen patinierter Marketerie des 
Schreibschubladen- vorderstückes und der unbehandelten 
Marketeriereproduktion der Kommodenplatte
Abb. 24: Farbunterschied zwischen patinierter Marketerie des Schreibschubladen- vorderstückes und der unbehandelten Marketeriereproduktion der Kommodenplatte
Abb. 25: Farbwirkung eines Details der Marketeriereproduktion vor der 
farblichen Angleichung
Abb. 25: Farbwirkung eines Details der Marketeriereproduktion vor der farblichen Angleichung
Abb. 26: Farbwirkung der ergänzten Platte nach der farblichen 
Angleichung
Abb. 26: Farbwirkung der ergänzten Platte nach der farblichen Angleichung

 

Gleichfalls kann man davon ausgehen, daß auch das farbliche Modifizieren direkt nach der Herstellung ein nicht ungewöhnliches Verfahren war  (Anm.: Watin, Der Staffirmaler oder die Kunst anzustreichen, zu vergolden und zu lackiren, ..., Leipzig 1774, S. 271f.).

Um den Jahrzehnte dauernden Prozeß der Farbveränderung der Holzoberfläche abzukürzen, der zum einen eine Folge der zur Oxidation von Farb- und Gerbstoffen des Holzes führenden Einwirkung von Sauerstoff ist und andererseits besonders durch den Einfluß der ultravioletten Strahlen des Sonnenlichtes bewirkt wird, werden zwei Maßnahmen ergriffen.

Zuerst wird die Platte einer gleichmäßigen Belichtung mit UV-Lampen  (Anm.: Typ Osram L 18 W/73, Hauptabstrahlbereich 320—400 nm.) im Abstand von 90 mm über einen Zeitraum von 700 Stunden ausgesetzt. Nach Abschluß dieser Behandlung ist die Platte merklich nachgedunkelt, aber immer noch zu hell. Um einen geschlossenen optischen Gesamteindruck zu erreichen, wird das Holz zusätzlich gefärbt. Zur Anwendung kommt ein versibles, licbtbeständiges Farbmittel, das, bei einer möglicherweise zu starken natürlichen Dunkelfärbung des Holzes im Lauf der Zeit, reduziert oder entfernt werden könnte (Abb. 26). Diese Maßnahme stellt außerdem noch im direkten Zusammenhang zu der gewählten Form der Oberflächenveredelung des Objektes. Und zwar wird das Holz der Platte mit einer durch anorganische Pigmente gefärbten Hausenblasenleimgrundierung abgesperrt, da die Leimtränke mit diesem Material als ein zeitgenössisches Mittel bei der Vorbereitung von Holzoberflächen als gesichert angenommen werden kann  (Anm.: Hildegard WiIlert, Herstellung von tierischem Leim und seine Verwendung im Bereich der Tafel- und Faßmalerei nach Angaben deutschsprachiger Quellenliteratur des 16. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, Stuttgart 1980, S. 98ff.).

Als Überzug wird entsprechend des technischen Befundes (s. o.) eine Wachsharzpolitur verwendet. Außerdem sprechen Untersuchungen für die Authentiziät von Wachspolituren als einer der wichtigen Oberflächentechniken für diese Epoche des Möbelbaus  (Anm.: Thomas Brachert, Beitrage zur Konstruktion und Restaurierung alter Möbel, München 1986, S. 176ff.). In zwei Standardwerken aus dem letzten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts zur Technik der Oberflächenveredelung werden diesbezüglich konkrete Hinweise zur Anwendung  (Anm.: Watin a.a.O., S. 270.) und zu Rezeptur und Verfahren  (Anm.: H.F.A. Stöckels praktisches Handbuch für Künstler, Lackirliebhaber und Oehlfarbenaufstreicher, Nürnberg 1799, S. 204, § 294.) gefunden. Es ist anzunehmen, daß diese, nur eine knappe Generation nach der vermutlichen Entstehungszeit des Objektes publizierten Erkenntnisse, einen direkten Bezug zur Praxis der Holzoberflächenveredelungstechnik auch des ersten Drittels des Jahrhunderts hatten.

Die historische Rezeptur nennt die Verwendung von 250 g gelben, also Bienenwachs, plus 4 Loth  (Anm.: Jutta Minor, Studien zur europäischen und asiatischen Lacktechnik, Stuttgart 1987 (?), S. 138, Maßangabe zum Loth = 16 2/3 g.)(ca. 67 g) Kolophonium plus 8 Loth (ca. 134 g) Terpentinöl. Diese Politur wird modernen Erkenntnissen der Materialforschung entsprechend modifiziert, allerdings in seinem Mischungverhältnis übernommen. Als Wachs findet gereinigtes und gebleichtes Bienenwachs Verwendung, dessen hervorragende Konservierungseigenschaften bekannt sind  (Anm.: Heinz Kühn, Erhaltung und Pflege von Kunstwerken und Antiquitäten, Bd. 1, München 1981, S. 477ff.). Wegen seiner schlechten Altersbeständigkeit  (Anm.: H. Kuhn a.a.O, S. 336ff.) wird Kolophonium durch das weitaus weniger vergilbende und nicht so spröde Dammarharz ersetzt. Terpentinöl wird in seiner hochwertigst gereinigten Form, also doppelt rektifiziert benutzt. Das Herstellungsverfahren erfolgt nach Prinzipien der Maltechnik  (Anm.: Kurt Wehlte, Werkstoffe und Techniken der Malerei, Ravensburg 1967, S. 488 und S. 500.).

Füße und Innenschubladen

Als Vorbild für die Rekonstruktion von Aussehen und Maß dienen die Füße der Parallelkommode in Schloß Wolfenbüttel, nach denen die, aus Proportionalitätsgründen etwas kleineren, Reproduktionen nachgedrechselt werden.

Um die Gewindezapfen zu reproduzieren, werden die lnnengewinde der Zapfenlöcher vermessen und die Steigung ermittelt, so daß passende Zapfen angefertigt werden können (Abb. 27).

Abb. 27: Ergänzter Gewindezapfen
Abb. 27: Ergänzter Gewindezapfen

Von der einzigen vorhandenen Innenschublade werden drei Kopien unter Berücksichtigung aller Details (Zinkenteilung) angefertigt; die Zugknöpfe werden nach dem Original gedrechselt.

Schlösser und Beschläge

Nach den ermittelten Formen und Maßen von Zuggriffen und Schlüsselschildern werden diese von einer Gürtlermeisterin nach angefertigter Zeichnung und Fotovorlagen kopiert  (Anm.: Für die erfolgreiche Zusammenarbeit danke ich Frau Rosita Otto, Bretten.).

Die Schlösser werden mit einer sehr einfachen Mechanik, aber adäquaten Sichtseiten und Schlüsselreproduktionen, die denen des Parallelobjektes gleichen, hergestellt.

Buntpapier

Um die Über dem originalen Buntpapier liegende Tapete abzunehmen, wird sie mit einem mit Wasser zu einem thixotropen Gel angerührten, synthetischen anorganischen Kolloid  (Anm.: Laponite RD Grade, Ist in der Metall- und Textilrestaurierung eingesetzt worden: S. Dove, Laponite RD as a gelling agent, Conservation News Nr. 24, Juli 1984, S. 16ff. Vivien Chapman, Amylase in a Viscious Medium — Textile Application, The Conservator Nr. 10, 1986. (Laponite RD wird erfolgreich auch zum Anquellen alter Glutinleimreste angewendet.)) bestrichen. Nach einer in Vorversuchen unter mikroskopischen Kontrolle genau ermittelten Einwirkzeit kann die Überklebung dann leicht abgezogen werden, ohne daß die wasserlöslichen Farben des orginalen Modelpapiers auslaufen.

Da ca. 5/6 der Papierbeklebung in der Schreibschublade und ca. 1/3 in den anderen Schuben fehlt, wird der optische Gesamteindruck von den Fehlstellen dominiert, so daß die Ergänzung durch eine Reproduktion auch in diesem Bereich sinnvoll erscheint. Auf Empfehlung der Bayrischen Staatsbibliothek in München wird mit einer Münchner Werkstatt  (Anm.: Für die erfolgreiche Zusammenarbeit danke ich der Papierwerkstatt Alfred König, München.) nach langwierigen Vorversuchen eine zufriedenstellende Lösung verwirklicht.

Mit einem in einem speziellen Ätzverfahren hergestellten Druckstock wird nach den Maßen des Originalpapiers eine sehr gute Kopie möglich. Auf einem säurefreien, handgeschöpften Japanpapier aus Naturfasern (ca. 60 g/m2) wird mit einem Gemisch synthetischer lichtechter Anilinfarben grundiert. Für den Aufdruck werden in Öl angeriebene Pigmente verwendet. Das Muster wird in verschieden intensiven Druckstärken zu Papier gebracht, um den sehr unterschiedlichen Erhaltungszustand des Originals zu berücksichtigen. Um an dessen fleckigen Zustand anzugleichen, werden noch Patinierungen vorgenommen. Hierfür wird eine siebzehnprozentige Lösung von Paraloid B 82 in einer Mischung von 9:1 Ethanol zu Wasser mit Erdfarben als Farbmittel verwendet.

Die Angleichung erfolgt so weitgehend, daß das originale Papier wieder ungestört wahrnehmbar ist, die Ergänzungen aber bei genauerer Betrachtung erkennbar bleiben. Nach der Grobreinigung des Papiers werden die Ränder der Fehlstellen begradigt und die passend ausgeschnittenen Papiere mit Methylzellulose aufgeklebt.

Resümee

Die Besitzerin wollte das Objekt als benutzbares Möbel in einem ästhetisch befriedigenden Zustand erhalten und war nur mit diesem Ziel bereit, eine Investition vorzunehmen. Eine Aufstellung im fragmentarischen Zustand, wie sie z.B. unter primär dokumentierenden Bedingungen im Museum möglich wäre, kam deshalb nicht in Frage. Derart eingreifende Rekonstruktionen wie vorgenommen, waren nur aufgrund umfangreicher Objektvergleiche mithilfe der Maßanalyse vertretbar. Die notwendige Ablesbarkeit ist in situ und durch exakte Dokumentation gewährleistet.

Die begonnene Entwicklung der beschriebenen Maßanalyse konnte als Methode im ausgereiften Zustand eine Hilfe zur Eingrenzung möglicher regionaler Herkunftsbereiche von unzureichend lokalisierten Möbeln oder auch Musikinstrumenten sein. Die notwendige statistische Absicherung dieses Verfahrens ist noch nicht gegeben. Dazu bedarf es der Systematik einer groß angelegten Untersuchung mit der Aufnahme und Analyse der Maße einer repräsentativen Anzahl von Objekten, einer noch genaueren Erforschung historischer, regionaler Maßsysteme und Kartographien, einer adäquaten Weiterentwicklung der Meßmethoden und der Software  (Anm.: Für die erfolgreiche Zusammenarbeit bei der Entwicklung und Programmierung der Software danke ich Herrn Frank C. Müller, Leimen.) und außerdem der Untersuchung von Proportionsaspekten und u.U. Modulfindungen. Auch wirtschafts- und sozialgeschichtliche Aspekte, die einen wesentlichen Hintergrund für das historische Maßdenken bildeten, gilt es einzubeziehen.

Anmerkungen

Fotoarbeiten wurden nit Nikon F 3 und Nikon F 601 mit den Objektiven Mikro Nikkor 55 mm, 1: 2,8 und Mikro Nikkor 60 mm, 1:2,8 durchgeführt; als Verlängerungsauszug um 27,5 mm diente der Zwischenring Nikon PK 13. Als Lichtquellen fanden Tageslichtleuchten (Metalldampfhalogenquarzbrenner 5500—6000 Kelvin) unter Benutzung eines FL-Day Filters Verwendung. Für Nahaufnahmen wurde das Makroringblitzgerät Nikon SB-21 benutzt. Farbaufnahmen auf Dia-Umkehrfilm Kodachrome 25 (15 DIN/ASA 25); Schwarzweißaufnahmen Illord FP 4 (19 DIN/ASA 64).