Verblichene Pracht

Zur originalen Farbigkeit eines Arbeitstisches von Jakob Kieser (1734—1786)

Erschienen in WELTKUNST 09/1995

In der restauratorischen Praxis gewonnene Erkenntnisse zu einigen Aspekten der originalen Farbigkeit historischer Möbel zeigen, daß sich diese von dem durch Alterungsprozesse entstandenen, für uns “normalen” Erscheinungsbild der Objekte deutlich unterscheidet. Am Beispiel eines kleinen Arbeitstisches (um 1772/73) aus dem Badehaus des Schwetzinger Schlosses soll die vermutlich ursprüngliche Farbigkeit dokumentiert werden, wie sie sich im Verlauf der Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten darbot.

Die vorgenommene kunsttechnoloische Restaurierung sicherte die historische und ästhetische Signifikanz dieses Möbels. Nähere Einzelheiten der Restaurierungsproblematik sowie die technischen Details der im Verlauf dieses Artikels beschriebenen digitalen Rekonstruktion der originalen Farbigkeit werden an anderer Stelle dargestellt.  (Anm.: Artikel in Vorbereitung für “Restauro” 1996)

Der Schwetzinger Tisch wird dem Hofschreiner des Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz, Jakob Kieser (1734—1786), zugeschrieben, der auf Empfehlung des Hofarchitekten Pigage zwischen 1764 und 1786 Möbel für die kurfürstlichen Schlösser Mannheim und Schwetzingen und für das Badehaus des Schwetzinger Schlosses angefertigt hat (Abb. 1).  (Anm.: Rosemarie Stratmann-Döhler/Wolfgang Wiese, Möbel für den Fürstenhof Sigmaringen 1994, S. 28ff und S. 110, Abb. 10; Rosemarie Stratmann-Döhler, Möbel aus der Werkstatt des kurpfälzischen Hofebenisten Jakob Kieser. In: Jahrbuch der staatlichen Kunstsammlungen 14, 1982, S. 52, Abb. 3 und 4)

Abb. 1: Johann Christoph Jakob Kieser (1734—1786), Arbeitstisch, 1772, 
Schloß Schwetzingen, Badehaus
Abb. 1: Johann Christoph Jakob Kieser (1734—1786), Arbeitstisch, 1772, Schloß Schwetzingen, Badehaus

Bei Einlieferung ins Atelier gab es bereits die kunsthistorische Zuschreibung des Arbeitstisches. Sie bestätigte sich durch die sogenannte Maßanalyse.  (Anm.: Jonny W. Stadler, Maßanalyse von historischen Möbeln. In: Zeitschrift für Kunsttechnologie und Konservierung 6, 1992, S. 139—158) Dieses neuartige Verfahren nutzt im Möbel vorhandene Parameter zur Untersuchung, die über die übliche, rein formal vergleichende Betrachtung hinausgehen. Mit Hilfe eines Computerprogrammes wird eine statistische Analyse der Konstruktionsmaße eines historischen Werkstückes vorgenommen. Berechnungsgrundlage bilden 102 historische Zoll- und Linienmaße unterschiedlicher Regionen des deutschen Sprachraumes. Die ursprünglich für die regionale Herkunftsbestimmung historischer Möbel konzipierte Methode erlaubt bei Ergebnisparallelen mit signierten oder archivalisch gesicherten Objekten auch eine Unterstützung von Zuschreibungen an bestimmte Hersteller.

Im Fall Jakob Kiesers besteht die glückliche Situation, daß von ihm zwei signierte Stücke zum Vergleich herangezogen werden konnten  (Anm.: Heinrich Kreisel/Georg Himmelheber; Die Kunst d. dt. Möbels, Bd. II, München2 1983, Abb. 626, kleiner Ziertisch, 1770, München, Residenz;): weiterhin eine Waschkommode, die ebenfalls aus dem Badehaus des Schwetzinger Schlosses stammt und schon nach verarbeitungstechnischen Gesichtspunkten mit Sicherheit von derselben Hand stammt: außerdem eine erst kürzlich vom badischen Oberkonservator, Dr. Wolfgang Wiese, in Heidelberger Privatbesitz entdeckte, ebenfalls in meiner Werkstatt restaurierte Kommode (Abb. 2).  (Anm.: Stratmann/Wiese, a.a. 0., S. 109, Abb. 9 und S. 29, Abb. 9; die Kommode ist seit Juli 1995 als bedeutende kurpfälzische Arbeit in dem als Museunisraum eingerichteten Trabantensaal des Mannheimer Schlosses ausgestellt.)

Abb. 2: Johann Christoph Jakob Kieser (1734 —1786), zugeschrieben, 
Kommode, um 1775, Heidelberger Privatbesitz
Abb. 2: Johann Christoph Jakob Kieser (1734 —1786), zugeschrieben, Kommode, um 1775, Heidelberger Privatbesitz

Dabei hat sich ergeben, daß für die getrennt nach Marketerie- und Konstruktionsmaßen durchgeführten Analysen für alle Stücke im Marketeriebereich Mannheimer Maßsysteme signifikant sind. Bei den Konstruktionsmaßen finden sich auch Heidelberger Maßsysteme als bestimmend. Dieses ist angesichts der regionalen Nähe und der vorstellbaren Arbeitsteilung in der Werkstatt eines so hochspezialisierten Kunstschreiners, wie es Jakob Kieser war, durchaus plausibel. Eine derartige Arbeitsteilung konnte bei maßanalytisch untersuchten Möbeln aus Schloß Pillnitz bei Dresden bereits nachgewiesen werden.  (Anm.: Stadler a. a. 0.,)

Bei dem Schwetzinger Möbel handelt es sich um einen kleinen, in Eichen- und Kiefernholz konstruierten Schreibtisch (79 x 50 x 69 Zentimeter) mit einer Schublade, die sich zur Schmalseite öffnen läßt. Die Platte ist an den Ecken abgerundet und hat an der Kante eine feine Hohlkehle. Die geraden Zargen gehen in die leicht geschweiften, konisch zulaufenden Beine über, deren Innen- und Außenkanten angefast sind. Als konstruktive Besonderheit, die sich auch bei anderen KieserMöbeln findet, ist der Schubladenboden bündig in die ausgefälzten Unterkanten der Seitenstücke des offen gezinkten Schubladenkorpus eingearbeitet.

Die Formensprache der technisch äußerst perfekt in Amarant, Ahorn, Ebenholz, Palisander, Teak und Rosenholz ausgeführten Marketerie läßt deutlich französische Einflüsse erkennen.  (Anm.: Pierre Verlet, Les Meubles Français du XVIIIe Siècle, Paris 21982, Abb. 11, 19 a—b, 113 a—h, 115, 126; Alexandre Pradère, Die Kunst des Franz. Möbels, 1990, S. 212, Abb. 205 Eckschrank u. 2 Sekretäre, vermutlich Gilles Joubert um 1773—74, S. 282, Abb. 303 Tisch, gestempelt Lacroix, 1775, S. 350, Abb. 411 Kommode, Martin Carlin, gestempelt 1770—75) Vermutlich hat Kieser in Paris im Umkreis von Jean François Oeben, dem führenden Kunstschreiner am Hof Ludwigs XV., gearbeitet, was seine Gestaltungsweise deutlich geprägt hat.  (Anm.: Stratmann-Döhler, a.a.O., S. 50) Der Dekor besteht aus einer Kombination von geometrischen Mustern mit einfachen vegetabilen Ornamenten. Dank der Tiefenlichteffekte des polierten Holzes verändert bei wechselnden Standpunkten des Betrachters insbesondere die Plattenmarketerie subjektiv ihre Formen, so daß beispielsweise Kreise zu s-förmigen Linien werden. Hier ist eine perfekte Illusion durch eine genaue Beobachtung der Materialeigenschaften von Holz und seine handwerklich vollkommene Umsetzung geschaffen worden.

Zunächst jedoch ein kurzer Überblick über die geschichtliche Entwicklung der Verzierung von Möbeln mit intarsierten und marketierten farbigen und gefärbten Hölzern  (Anm.: Bezugnehmend auf: Thomas Brachert/ Michael Stürmen/Ruth Vuilleumier, Beiträge zur Konstruktion und Restaurierung alter Möbel, München 1986, S. 188—231):

Erste Quellen zur Färbung von Hölzern sind aus der Antike bekannt; erste mittelalterliche Rezeptsammlungen für die Einfärbung organischer Materialien stammen aus dem 8. Jahrhundert. Die Tradition der Einfärbung von Holzintarsien beginnt im Italien der Spätgotik mit der Verwendung von Schwarzweiß-Einlagen, die durch Versengen oder Anbrennen einer Seite des Holzstückes erzeugt wurden. Französische Quellen zur Maltechnik belegen, daß im 14. Jahrhundert Holzbeizen bekannt und gebräuchlich waren. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts sollen in Oberitalien erstmals gefärbte Hölzer zur malerischen Herstellung von bunten Intarsien benutzt worden sein. Das älteste gedruckte deutschsprachige Werk zu diesem Thema, “das Kunstbüchlin gerechten gründtlichen gebrauchs aller kunstbaren Werckleut”, 1535, vermittelt unter anderem Beiztechniken für Holz, Bein oder Knochen. Zahlreiche ähnliche alchimistische Werke dieser Art sind in den folgenden Jahrhunderten veröffentlicht worden, wobei die Grenze zwischen ernstzunehmenden maltechnischen Informationen und “geheimwissenschaftlichen Küchenrezepturen” fließend ist.

Im 17. und 18. Jahrhundert wurden zunehmend aus den überseeischen Kolonien importierte exotische Hölzer für die Einlegetechniken verwendet. Diese wegen ihrer Farbigkeit und guten Polierbarkeit bald in ganz Europa sehr begehrten Hölzer waren selten und wurden nach Gewicht verkauft; sie hießen deshalb auch Pfundhölzer. Da diese Holzarten sehr teuer waren, versuchte man, sie durch die Einfärbung wohlfeiler einheimischer Hölzer zu imitieren.

Besonders aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sind uns differenzierte technologische Veröffentlichungen zu verschiedenen Holzfärbetechniken bekannt. Dies hängt auch mit der Entwicklung immer feinerer Marketerien in der Möbelkunst zusammen. Diese Kunst wurde in immer höherem Grade spezialisiert, so daß beispielsweise Szenerien von Kupferstichvorlagen oder phantasievolle, mit der Raumillusion arbeitende Blumenmarketerien gemäldeartig auf Holz übertragen wurden. Ausführung und Farbigkeit dieser Arbeiten waren von einer bis dahin nicht bekannten Perfektion.

Die verwendeten Färbemethoden unterscheiden sich hinsichtlich der Eindringtiefe der Farbmittel und der Beständigkeit der erzeugten Farbtöne, wobei diese allerdings ein nie erreichtes Ziel darstellte. Durch chemisch-physikalische Prozesse im Holz und die Einwirkung der UV-Strahlung des Lichtes wurden jedoch die meisten Farben im Lauf der Zeit unwiederbringlich zerstört. Die wichtigsten Färbemittel waren Pflanzenextrakte, also organische Farbstoffe aus Farbholzern, Wurzeln, Rinden und Farbharzen, wobei den Färbevorgang beizende Substanzen wie Laugen, Säuren, Alaun und Metallsalze intensiviert haben. Hinzu kamen chemische Beizen, die durch die Reaktion mit Holzinhaltstoffen zu Farbniederschlägen im Holz führten. Neuere Forschungen haben gezeigt, daß auch Hölzer verwendet wurden, die durch die Stoffwechselprodukte bestimmter Pilzarten verfärbt waren.  (Anm.: Hans Michaelsen/Joachim Unger/Christian Herbert Fischer, Blaugrüne Färbung an Intarsienhölzern des 16. und 18. Jahrhunderts. In: Restauro 1992, S. 17—25)

Die Farbigkeit der Marketeriehölzer des Kieser-Tisches erscheint im Überlieferungszustand des Objektes in unterschiedlichen Brauntönen, an einigen Partien schwach olivgrün, elfenbeinfarben und schwarz (Abb. 1). Als Folge früherer Überarbeitungen wurde die ursprüngliche Furnierstärke von zwei bis drei Millimetern auf maximal einen Millimeter reduziert; zum Teil ist das Furnier papierdünn oder durchgeschliffen. Als Ursache hierfür steht der unselige Versuch, die in tieferen Bereichen des Furniers noch gegebenen Farben wieder zu beleben. Bei solchen Verfahren handelt es sich jedoch immer nur um einen sehr kurzfristigen Erfolg auf Kosten unwiederbringlicher, originaler Substanz: Die Farben verblassen nach überschaubarer Zeit bereits erneut.

Bei den notwendigen Konsolidierungsarbeiten der Marketerie werden gelöste Furniere, deren Verleimung nicht mehr intakt ist, zum Teil angehoben und umgedreht. Die lichtgeschützten Rückseiten der Furniere differieren farblich deutlich zu den Vorderseiten. Beispielsweise erscheint der Braunton der größeren Ahornfelderpartien der Tischplatte in einem sehr schwach grünstichigen Grau, die dunkelbraunen Amarantholzfäden der Kreisgitter sind dunkelviolett, im Medaillon sind die ebenfalls braun erscheinenden Rosenholzbänder rosa und die Vierblattblüten rot. Die olivgrünen Quadrate zeigen auf der Rückseite ein kräftiges dunkles Grün.

Abb. 3: Detail des Arbeitstisches von Abb. 1, Furnierrückseite. 
Farbkontrast von unbelichtetem Dunkelgrün zu ausgeblichenem 
Olivgrün der Furniervorderseite (Farbmusterkarte zur Kontrolle)
Abb. 3: Detail des Arbeitstisches von Abb. 1, Furnierrückseite. Farbkontrast von unbelichtetem Dunkelgrün zu ausgeblichenem Olivgrün der Furniervorderseite (Farbmusterkarte zur Kontrolle)

Zum Rekonstruktionsversuch der vom Kunstschreiner ursprünglich beabsichtigten Farbwirkung des Möbels werden zunächst durch Makroblitzfotografie (Diapositive) der umgedrehten Furniere unter Verwendung einer Kodak-Farbmusterkarte die feststellbaren Farben dokumentiert (Abb. 3).

Die Farbmittelwerte von frisch aufgesägten Furniermustern der bei der Tischplattenmarketerie verwendeten exotischen und sehr farbigen Holzarten werden in den Computer eingescannt. Holzmaserung und -farben, weitestgehend von naturgetreuer Abbildungsqualität, werden nun in eine Liniengraphik der Marketerieornamentik eingefügt. So entsteht ein optischer Gesamteindruck, der annähernd dem Zustand des Möbels im unverblichenen Zustand, kurz nach der Herstellung, gleicht.

Das Ergebnis zeigt, daß die ursprüngliche farbige Konzeption des Tisches in starkem Kontrast zum Jetztzustand und damit zu unseren Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten für Möbel dieser Art steht (Abb. 4 und 5). Sicherlich paßten sich auch diese Kunsterzeugnisse nahtlos in die Farbenpracht der höfischen Raumkunst des 18. Jahrhunderts ein.

Abb. 4: Johann Christoph Jakob Kieser (1734—1786), Arbeitstisch, 1772, 
Schloß Schwetzingen, Badehaus
Abb. 4: Johann Christoph Jakob Kieser (1734—1786), Arbeitstisch, 1772, Schloß Schwetzingen, Badehaus
Abb. 5: Johann Christoph Jakob Kieser (1734—1786), Arbeitstisch, 1772, 
Schloß Schwetzingen, Badehaus
Abb. 5: Johann Christoph Jakob Kieser (1734—1786), Arbeitstisch, 1772, Schloß Schwetzingen, Badehaus

Mein besonderer Dank gilt den Herren Thomas Merkel (Restaurator, Verwaltung der staatlichen Schlösser und Gärten Badens) und Dr. Wolfgang Wiese (Oberkonservator des Landes Baden). Durch ihre Unterstützung ist die konsequente Bearbeitung des Objektes im wesentlichen möglich geworden. Herrn Arwed Brömmer von der Heidelberger Firma Text und Grafik danke ich für die Durchführung der Computeranwendung.