Die Restaurierung einer Wappentruhe des frühen 17. Jahrhunderts

Ergebnisse der Voruntersuchung

Erschienen in den Arbeitsblättern der AdR 02/1987

Das Objekt wurde von seinem Besitzer in einem Dorf im Harz unter einem Brennholzhaufen entdeckt. Er erwarb es und ließ die weiße Farbe abbeizen. In diesem Zustand wurde die Truhe zur Restaurierung übernommen (Abb. 1).

Abb. 1: Truhe vor der Restaurierung
Abb. 1: Truhe vor der Restaurierung
Abb. 2: Truhe nach der Restaurierung
Abb. 2: Truhe nach der Restaurierung

 

Nach vergleichendem Literaturstudium (u. a. mit Dr. Mertens vorn Württembergischen Landesmuseum, Stuttgart) wird die Truhe in den süddeutschen Raum lokalisiert und durch die Bestimmung der charakteristischen Helmzier der Wappen dem Anfang des 17. Jahrhunderts zugeordnet.

Um zu einem annähernd gesicherten Bild der notwendigen, umfangreichen Ergänzung des fehlenden Sockels zu gelangen, und um eine genaue Wappenbestimmung zu erreichen, werden an ca. 60 Museen und verschiedene Stadtarchive in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz Anfragen mit Fotos von Truhe und Wappen geschickt. Durch die freundliche Unterstützung einiger Institute, die inhaltliche Information und Fotomaterial ihres Depots zur Verfügung stellen, kristallisiert sich ein vergleichbarer Möbeltypus heraus. Detailskizzen an ähnlichen Objekten in verschiedenen Museen lassen die Form der fehlenden Profile deutlich werden. Die Nachforschung nach den Wappen bleibt erfolglos, da sich keine Reste von Tinkturen des “gründlich” abgebeizten Objektes finden, und nur die Farbigkeit eine eventuell exakte Zuordnung erlaubt.

Die Anfertigung eines Sockels, der die Hälfte der Höhe des Objekts hat, so daß eine Proportion von 2:1 (Objekt zu Sockel) entsteht, wird dem Auftraggeber nach Abschluß der Voruntersuchung vorgeschlagen. Als dieser aus Kostengründen nicht zustimmt, wird für die Rekonstruktionskonzeption eine Kompromißlösung erforderlich, die den Bau eines unteren Abschlußprofils in Form eines losen Sockelrahmens vorsieht, in den man die Truhe hineinstellen kann (Abb. 2). Die kunsthistorisch adäqate Version wird in der Restaurierungsdokumentation dargestellt.

Konstruktion Deckel

Rahmenbauweise mit eingezapftem Querfries mittig. Längs- und Querfriese sind durch eingegratete Überplattung verbunden. Das vordere Profil ist mit Holznägeln stumpf aufgesetzt, die Seitenprofile sind auf die Außenkanten aufgenutet. Auf die in die Friese eingenuteten Füllungen sind auf Gehrung gestoßene Profilleisten mit Holznägeln aufgeblendet. Die geschmiedeten Langbänder sind von innen aufgenagelt.

Konstruktion Korpus

Abb. 3: Isometrische Darstellung der Zinkenverbindung
Abb. 3: Isometrische Darstellung der Zinkenverbindung

Durchgezinkte Brettbauweise mit stumpf aufgenageltem Boden. Die Seiten sind die Zinkenstücke, oben auf Gehrung gezinkt. Die Hirnholzbrüstung am Zinkengrund ist zum Inneren des Korpus hin auf 45º gestemmt. In die Zinken sind 2—3 mm dicke Keile getrieben (Abb. 3). In die linke Seite ist ein Kasten mit profiliertem Deckel eingenutet, in dem unter einem Fach zwei kleine Schübe laufen.

Beschreibung and Werkstoffe

Kastentruhe in Zirbelholz mit vorgeblendeter Gliederung aus Eiche. In jeder Hälfte der Front ist ein zwischen zwei Pilastern liegendes Feld Blindholz, in dem sich, von Pfeilern, Arkadenbogen und Zahnschnittfries gerahmt, je ein in Lindenholz geschnitztes Wappen befindet. Die Wappen zeigen, unter Büffelhornhelmkleinod über Stechhelm, links eine Hausmarke und rechts einen bewurzelten Baum mit Blättern und Früchten. In den Schildgrund sind vierblättrige Ornamente eingeprägt. In die Pilaster und die mittlere Zierfüllung sind auf einem Papierfond Rollwerk- und Maureskenornamente in Ahorn, Zwetschge, Buche, Birne und Mooreiche intarsiert.

Abb. 4: Samtfragment unter restauriertem Band
Abb. 4: Samtfragment unter restauriertem Band

Auf die Arkadenbögen sind Rollwerkornamente aus Ahorn aufgesetzt, durch Zierblendnagelköpfe aus Mooreiche geschmückt. Auf die Seiten sind um mittig aufgesetzte Eichenkissen, von Fadeneinlagen eingefaste, vorgeblendete Rahmen in Ahornfurnier marketiert. Der Deckel ist Zirbelholz, die umlaufenden Profile und die Zierprofile auf den Füllungen sind Mooreiche. Bänder, Griffe und Beschläge sind zum Teil durchbrochen geschmiedetes, ziseliertes Eisen. Griffe und Griffbeschläge sind verzinnt, die Langbänder waren mit rotem Samt unterlegt (Abb. 4). Die Blindholzfelder sind schwarz gefaßt gewesen.

Befund

Der Sockel und die linke Deckelfüllung sind eine moderne Ergänzung. Der Korpus hat sich stark verzogen, so daß die Seiten nicht mehr senkrecht zur Grundfläche und auch nicht mehr im rechten Winkel zueinander stehen. Die Rückwand ist an mehreren Stellen längs der Faser gerissen. Die Verleimung von Konstruktion, Furnieren, Pilastern, Rollwerkornamenten etc. hat sich großflächig und an vielen Stellen gelöst. Teile der Rollwerkornamente fehlen im Arkadenbogenfeld fast vollständig. Wie sich durch ein Foto, das der Besitzer vor dem Abbeizen gemacht hat, nachweisen läßt, befanden sich im Scheitel der Arkadenbögen Keilsteine. Vermutlich fehlen auch Profile auf den die Wappen flankierenden Pfeilern. Nach Abnahme von Furnieren um die grau schimmernde Blindholzumrandung von Wappen, Seitenkissen und Schlüsselschild, finden sich wasserlösliche Fragmente einer schwarzen Bemalung. Große Bereiche des Objekts, besonders Boden, Deckel und Rückwand, sind durch Anobienbefall stark angegriffen. Ebenso können die Wappen schon durch leichten Druck zerstört werden. Die völlig gelösten Leimfugen des Deckels sind mit Lehm gefüllt. Die Nutwangen der Rahmenfriese sind zum Teil ausgebrochen; im hinteren Querfries fehlt ein Stück im Bereich des durch das Holz hindurchführenden Befestigungsnagels für das Band. Die Oberfläche des Deckels zeigt starke Spuren mechanischer Beanspruchung und weiße Ausblühungen. Durch die unsachgemäße Abbeizung ist das Eichenholz ausgeblieben. Das rechte Seitenprofil des Deckels fehlt. Im gesamten Möbel werden ca. 70 moderne Eisennägel gefunden, durch die das Holz an vielen Stellen gespalten ist. Das Festtacken des Furniers, nach dem Unterlegen mit grobem Schleifpapier durch den Abbeizer, hat viele deutliche Zerstörungen der Oberfläche zur Folge. Bänder, Beschläge und Griffe sind korrodiert; die Bänder sind verbogen und an den Rollen auseinandergebrochen. Das Schloß, der Schlüssel und ein Griff fehlen. Die Befestigungsnägel der Bänder und Beschläge fehlen zum großen Teil oder sind stark korrodiert.

Restaurierungsmaßnahmen

Der Deckel wird in seine Konstruktionselemente zerlegt und gereinigt. Zur Festigung wird das erwärmte Holz mit einer sehr dünnen Glutinleimlösung, die mit fungizid wirkenden Chloraminabkömmlingen und Alaun gemischt ist, viermal eingestrichen. Um ein tiefes Eindringen zu ermöglichen, wird vorher mit Ethylalkohol eingelassen. Fehlende Holzpartien werden durch altes, natürlich patiniertes Holz mit passender Struktur ergänzt. Um ein störendes Auffallen der starken plastischen Oberflächenunterschiede zu dem von Anobienbefall gezeichneten Holz auszugleichen, werden in den Ergänzungen mit der biegsamen Welle Fraßgänge imitiert. Als der Deckel neu verleimt werden soll, stellt sich heraus, daß er nicht mehr zusammenpaßt. Der Grund hierfür ist im unterschiedlichen Schwindverhalten des Holzes zu finden. So stößt der longitudinal nur wenig geschwundene Längsfries (mittleres Schwindmaß 0,3%) auf den in der radialen Richtung erheblich mehr geschwundenen Querfries (mittleres Schwindmaß 5%). Deshalb steht die eingegratete Überplattung vorne an der Deckelkante über und drückt rückseitig gegen die stehengebliebene Hinterkante, so daß an der hinteren Brüstung des Längsfrieses eine breite Fuge klafft. Um diese Fugenbreite und den vorderen Überstand wird die Überplattung gekürzt, so daß sich der Deckel wieder verleimen läßt.

Nach Entfernen des ergänzten Sockels und der Eisennägel wird der Boden abgenommen, gereinigt und in der beschriebenen Weise gefestigt. Abgebrochene Stellen und Risse werden verleimt. Da mit einer späteren mechanischen Beanspruchung gerechnet werden muß, werden poröse Partien mit einem Glutinleim-Holzstaub-Gemisch gestrichen, um möglichen Absplitterungen vorzubeugen. In diesem Gemisch sind 20% Glyzerin, bezogen auf die Leimmenge, enthalten, um ein zu starkes Schwinden der Masse beim Trocknen zu vermeiden. Nach dem Abschluß der Restaurierung des Korpus wird der Boden neu verleimt und der hier befindliche Schwundriß geschlossen.

Da sich ca. 60—70% der Furniere vom Korpus gelöst haben und eine solide Verleimung durch die starke Verschmutzung unter den Furnieren unmöglich ist, werden diese und die Pilaster abgenommen. Hierbei wird darauf geachtet, daß die kleinen Holznägel, mit denen die Furniere fixiert sind, nicht zerstört werden, um ein exaktes Neuverleimen in der ursprünglichen Position zu ermöglichen. Vor der Abnahme wurden alle Teile numeriert und dann fotografiert, um einen korrekten Zusammenbau zu garantieren. Bei der Untersuchung der abgelösten Eichenfurniere stellt sich heraus, daß die durch das unsachgemäße Abbeizen verursachte Ausbleichung bis zu einem halben Millimeter tief ins Holz reicht. Unter den Pilastern und Ornamenten, also an Stellen, die der Abheizer nicht zu erreichen vermochte, ist die tiefbraune Alterspatina des fast 400jährigen Eichenholzes unversehrt (Abb. 5). Ein Aufbringen von Ammoniaklösung (96%) auf das ausgebleichte Holz bleibt ohne Folge, was zeigt, daß die ursprünglich im Holz vorhandene Gerbsäure restlos verschwunden ist. So wird nach der oben beschriebenen Alterspatina eine farblich exakt passende Nußbraunkörnerbeize hergestellt.

Abb. 5: Nicht abgebeizte Partien unter Ornament und Pilaster zeigen die 
durch eine Beize später rekonstruierte Altersfärbung des 
Eichenholzes
Abb. 5: Nicht abgebeizte Partien unter Ornament und Pilaster zeigen die durch eine Beize später rekonstruierte Altersfärbung des Eichenholzes

Bei den Verleimungsarbeiten wird ausschließlich 60° heißer französischer Tafelleim verwendet, wobei gelöste Zinkenverbindungen, Furniere, Blindholz und Ergänzungen vorher mit Lampen erwärmt werden. Selbstverständlich wird erst nach einer gründlichen Reinigung verleimt. Die Ergänzungen der Keilsteine über den Arkadenbögen und der Profile über den sie tragenden Pfeilern werden unter Berücksichtigung der bei der Voruntersuchung gewonnenen Erkenntnisse angefertigt. Da die Ergänzungen der Ornamente über den Arkadenbögen rein spekulativ sein müßten, wird darauf verzichtet. Die übrigen gesicherten Ergänzungen werden in passenden Hölzern angefertigt und verleimt. Das Eichenholz wird zur Absicherung gegen etwaige Spätfolgen des Abbeizens mit verdünnter Essigsäure neutralisiert.

Die Wappen werden mit einer Lösung von Paraloid B 82 in Ethylalkohol durch Injizieren getränkt; dieser Vorgang wird so oft wiederholt, his eine ausreichende Festigung der Holzsubstanz mit dem Ethylmethacrylat erreicht ist.

Nach dem Abschluß der Konsolidierungs-, Verleim- und Beizarbeiten wird die Oberfläche dreimal mit stark verdünntem Schellack Lemon eingelassen, danach wird behutsam geglättet (Körnung 400). Jetzt wird eine heiße Wachsharzpolitur sehr dünn aufgetragen (10 Teile gereinigtes Bienenwachs, 5 Teile Dammarharz Batavia, 2 Teile Carnaubawachs, 10 Teile Verdünnung Nr. 222 der Firma Livos — ein gesundheitsunschädliches Zitrusfruchtdestillat, das Terpene enthält).

Die Langbänder werden wieder zusammengeschweißt. Auf die ursprünglich auf beiden Seiten flachgeschmiedeten, großen Befestigungsnägel, die die Bänder und den Schloßriegel gehalten haben, werden einseitig Gewinde geschweißt, da jeweils immer nur noch ein Flachkopf erhalten ist. Hier wird im Interesse einer womöglich später notwendig werdenden Abnahme des Deckels auf die historische Befestigungsart verzichtet. Im übrigen werden die Bänder mit modern geschmiedeten Nägeln fixiert. Der fehlende Griff wird von einem Kunstschmied ohne Ornamentierung ergänzt. Die Oberfläche der Eisenteile wird mechanisch vom losem Rost und Schmutz befreit. Der jetzt noch vorhandene Rost bildet einen Teil der plastischen Patina und soll deshalb nicht vollständig abgenommen werden, wie es z. B. durch Sandstrahlen möglich wäre. Statt dessen soll er in eine stabile Form umgewandelt werden, in der weitere Korrosionsprozesse unmöglich sind. Die Rostumwandlung erfolgt durch eine Behandlung mit Tannin, das eine stark antioxidative Wirkung besitzt und die Fähigkeit hat, mit dem Rost stabile chemische Verbindungen zu bilden. Auf das mit Reinigungsbenzin entfettete Eisen wird eine Lösung von 40 g Tannin auf 200 ml destilliertes Wasser mit dem groben Borstenpinsel aufgebracht und in die Oberfläche hineingetrieben. Nach 24 Stunden läßt sich an der schwarzen Verfärbung des Metalls die Bildung Von Eisentannaten erkennen. Nach Abbürsten wird mit einer Mischung von 10 Teilen Bienenwachs und 1 Teil Carnaubawachs behandelt.

Die zu ergänzenden Profile des Deckels und der Sockel werden aus abgelagertem Eichenholz hergestellt, wobei die endgültigen Profilformen mit englischen Profilhobeln des 19. Jahrhunderts angestoßen werden. Da die untere Kante der Truhenfront von einer gedachten geraden Linie bis zu 8 mm abweicht, werden die einzelnen Abschnitte der verkröpften Frontleiste millimetergenau angemessen und dann Stück für Stück in die “Schlangenlinienfront” eingepaßt. Dann werden sie mit Glutinleim verleimt. Nach dem Zusammenbau des Sockelrahmens wird durch Räuchern mit Ammoniakdämpfen und anschließendes Einlassen mit einer Kaliumbichromatlösung an die Farbe des Deckelrandprofils angeglichen. Die gewählte Beizform vereinigt in sich die Vorteile einer hohen Lichtbeständigkeit, eines natürlichen Farbtones und eines positiven Beizbildes.

Abb. 6: Verkleinerte, maßstabsgetreue Tuschezeichnung von Front und 
Seitenansicht, ohne Wappen und ornamentalen Schmuck
Abb. 6: Verkleinerte, maßstabsgetreue Tuschezeichnung von Front und Seitenansicht, ohne Wappen und ornamentalen Schmuck

Der Maßstab für die Restaurierungskonzeption waren die Erhaltung und Konsolidierung der originalen Substanz, die adäquate und weitgehend gesicherte Ergänzung und die von der Voruntersuchung bis zum Abschluß der Arbeiten laufende, intensive Dokumentation in Wort und Bild. Ein weiterer Maßstab war die Kooperationsbereitschaft des Kunden, sein Kunstverständnis und seine Kaufkraft Faktoren, die die Arbeit des freischaffenden Restaurators stets ermöglichen und begrenzen (Abb. 6).