Die Kunsthandwerkerfamilie Voit

»Dißes Stück arbeit habe ich
durch GOTTes Beystandt in meinen
fünffundachtisten
lebensJahr verfertiget.
Georg Friderich Voit. Schreinermeister.
in Schweinfurht. Anno 1800.«

Erschienen in KUNST UND ANTIQUITÄTEN 6/1990

Abb. 1: Signaturzettel vom Modellschrank Abb. 2
Abb. 1: Signaturzettel vom Modellschrank Abb. 2

Der Verfasser dieser Signatur (Abb. 1), die ich bei der Restaurierung des abgebildeten Schränkchens (Abb. 2) auf dem Boden aufgeklebt fand, war Mitglied eines bis zum Jahre 1578  (Anm.: Friedrich Voit: Die Geschichte der Familie Voit. Nürnberg 1920, S. 2.) zurückzuverfolgenden Geschlechts, das eine Vielzahl von Handwerkern und Instrumentenbauern aufweisen kann. Der große Familiensinn bei einzelnen Mitgliedern dieser Sippe, der sie Stammbäume und eine Sammlung familiengeschichtlicher Daten anlegen ließ, führte 1920 zur Veröffentlichung einer Chronik »Die Geschichte der Familie Voit«.  (Anm.: An dieser Stelle danke ich Herrn Dr. Erich Schneider, Städtische Sammlungen Schweinfurt, durch den ich Kenntnis von diesem Titel erlangte.) Jener Georg Friedrich Voit hat mit einem 1742 begonnenen »Schreibbuch« selbst authentische Dokumentationsarbeit geleistet. In diesem in der Familienchronik oft zitierten Buch hat er neben autobiographischen Beschreibungen auch alles, was über seine Familie bekannt und überliefert war, sowie Aufzeichnungen über seine Arbeiten und sein Geschäft gesammelt. Hier soll die Problematik der eindeutigen Datierung eines Möbels an einem außerordentlich gut dokumentierten Fall verdeutlicht werden. Außerdem soll das über Schreiner, Instrumentenmacher und Kunstmaler der Familie Volt vorhandene Material in knapper Form dargestellt werden.

Abb. 2: Modellschrank, Georg Friedrich Volt (1716-1802), 2. Hälfte 18. 
Jh., Nußbaum-, Zwetschgen-, Ahornholz und Zinn auf Kiefer und 
Eiche, H. 83,5 cm, B. 68 cm, T. 37,2 cm
Abb. 2: Modellschrank, Georg Friedrich Volt (1716-1802), 2. Hälfte 18. Jh., Nußbaum-, Zwetschgen-, Ahornholz und Zinn auf Kiefer und Eiche, H. 83,5 cm, B. 68 cm, T. 37,2 cm

Das als Modell eines Kleiderschrankes gestaltete zweitürige Miniaturmöbel (Abb. 2, 3) mit segmentbogenförmig geschweiftem Giebel ruht auf gedrehten Füßen. Die unteren zwei Drittel des Innenraumes füllen drei Schubkästen mit einem darüberliegenden Fach. Die Art der Marketierung, die Ausführung der Profile und die Form des Giebels legen eine spontane Datierung in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, vor 1775 nahe. Eine Untersuchung der Konstruktion unterstützt diesen Eindruck. Boden und Seiten sind in Brettbauweise durch eine offene Zinkung miteinander verbunden. Der Oberboden besteht aus einzelnen verleimten Brettern und ist gegen den Faserverlauf der Seiten auf diese und die Rückwand stumpf aufgesetzt und mit Holznägeln fixiert. Vorne unter dem Oberboden findet sich als Träger des umlaufenden Gesimsprofils eine Anleimerkante, die ebenfalls mittels Holznägeln fixiert ist. Sockel- und Gesimsprofil sind zusammengesetzt aus Kern und aufgeleimten Profilsegmenten. Die Rückwand ist in stumpf auf die Innenseiten des Korpus geleimte Bretter eingefedert und an den Boden und den eingegrateten Zwischenboden genagelt. Unter diesem laufen drei übereinanderliegende Schubkästen auf eingegrateten Laufleisten, vorne durch Traversen getrennt. Die Schubkästen sind durchgezinkt und haben stumpf aufgenagelte Böden. Die aufschlagenden Türen werden durch aufgenutete Hirnleisten geradegehalten und sind mit Zapfenbändern angeschlagen. Die profiliert gedrechselten Füße wurden in den Boden eingedübelt. Alle Sichtflächen sind furniert. Konstruktionsholz des Korpus und der Türen ist Kiefer, das der Schubkästen, der Hirnleisten der Türen, der seitlichen Nutbretter, die die Rückwand aufnehmen, und der Kerne der zusammengesetzten Profilleisten von Sockel und Gesims ist Eiche. Die Marketerie wurde in Nußbaum-, Zwetschgen- und Ahornholz sowie in Zinn ausgeführt, die Füße aus Nußholz, die gedrechselten Zuggriffe der Innenschubladen aus Zwetschgenholz.

Abb. 3: Modellschrank von Abb. 2, geöffnet
Abb. 3: Modellschrank von Abb. 2, geöffnet
Abb. 4: Schlüsselschilde und Schlüssel
Abb. 4: Schlüsselschilde und Schlüssel
Abb. 5: Fuge zwischen zwei Furnieren
Abb. 5: Fuge zwischen zwei Furnieren

 

Die Verarbeitung des Schränkchens kann als außergewöhnlich gut bezeichnet werden, zumal wir es hier mit dem Werk eines Mannes zu tun haben, der den Zenit seiner körperlichen Schaffenskraft sicherlich schon um Jahrzehnte überschritten hatte. Als ein detailliertes Beispiel seiner Könnerschaft mag die Tatsache gesehen werden, daß der lebendige, teilweise rhythmische Wechsel der Farbigkeit des Furniers das Ergebnis bewußter Gestaltung ist. So sind die etwa 600 mm x 350 mm großen Marketeriefelder der Seiten aus rund 130 einzelnen Teilen pro Seite zusammengesetzt. Die Verbindungsfugen dieser Arbeit (Abb. 5) sind so präzise gepaßt, daß sie meistens nur mit der Lupe erkennbar werden. Aufeinanderfolgende Furniere harmonieren außerdem in Farbe und Faserverlauf so gut, daß diese feinen Fugen fast nicht als Grenze zweier Holzer wahrnehmbar sind. Der marketierte Rahmen der Türen umgibt jeweils drei Felder, die durch von Zinnfäden gesäumte Zwetschgenholzbänder untereinander abgeteilt sind.

Abb. 6: Stadtansicht
Abb. 6: Stadtansicht
Abb. 7: Stadtansicht
Abb. 7: Stadtansicht
Abb. 8: Linke Seitenansicht vor der Restaurierung
Abb. 8: Linke Seitenansicht vor der Restaurierung

Im unteren und oberen Feld finden sich zur vertikalen Mittelachse des Möbels gestürzte Nußmaserfurniere. Die mittleren Felder (Abb. 6, 7) zeigen perspektivische Ansichten von Stadtplätzen oder -straßen, die ihren Fluchtpunkt hinter den mit Türmen bewehrten Stadttoren haben. Die Detaillinien der auf den Türen befindlichen, ebenfalls in Nußholz marketierten Stadtansichten Schweinfurts  (Anm.: Michael Ludwig, Erich Schneider: Zeitreise: Schweinfurt - von der freien Reichsstadt zur Industriestadt, Materialien aus über 1200 Jahren Stadtgeschichte. Schweinfurt 1985, Abb. S. 63 und S. 109.) sind mit dem Stichel graviert und geschwärzt. In dem rechten Turm ist ein großes Zifferblatt, dessen Zinnzeiger die volle sechste Stunde anzeigen. Unter welscher Haube ist darüber eine Zinnglocke zu sehen, links sitzen drei in Zinn, rechts drei in Nußholz gearbeitete Dachspitzen auf den flankierenden Häuserzeilen, vor dem stark kontrastierenden Himmel aus Zwetschgenholz. Bei eingehender Betrachtung wird die formale Bedeutung der die Stadtansichten oben und unten rahmenden, bogenförmigen Schwünge des Zwetschgenholzbandes bewußt. Sie sind eine Wiederholung der Segmentbogenform des Schrankgiebels und werden in perspektivischer Abfolge von den Torbögen zu den immer kleiner werdenden Segmentbogengiebeln der marketierten Türme und ihrer Dachreiter fortgesetzt. Bei geöffneten Schranktüren fallen die um die Zugknöpfe der drei Schubkästen konzentrisch angeordneten Bandmarketerien ins Auge, die wie bei einem entsprechend gefallenen Würfel eine Sechs zeigen.

Die Marketerie der Seiten (Abb. 8) besteht aus durch Bandelwerk unterbrochenen Feldern, die alle zentrisch angeordnet sind, was durch den Maserverlauf der Furniere optisch unterstützt wird. Das Bandelwerk verläuft außerdem nur gerade und in horizontaler, vertikaler und 45°- Richtung. Die Fadeneinlagen sind hier nicht aus Zinn, sondern aus Ahorn.

Das Türschloß, der Federriegelmechanismus der linken Tür und die Zapfenbänder der Türen sind aus Eisen. Auf die Schlösser sind Messingbleche genietet, die Schlüsselschilde sind aus Messingblech gestanzt (Abb. 4). Die Schlösser wurden mit handgefeilten Schrauben, die Bänder mit geschmiedeten Nägeln befestigt. Alle Metallteile sind original.

Wie der Familienchronik zu entnehmen ist, gab es im Zeitraum von 1621 bis 1848 nicht weniger als 18 Schreiner und Instrumentenbauer der Familie Voit. Die wichtigeren unter ihnen seien hier genannt. So beschreibt der Schöpfer des Schränkchens den Ursprung der Berufstradition der Voits in seinem »Schreibbuch«: »Mein Grossvater mütterlicherseits ist gewesen Hans Jürg Voit (1621 bis 1699, d. Verf.), auch Bürger und Schreinermeister allhier und dessen Vater ist gewesen ein Mitnachbar, von welchem mein seliger Grossvater in schweren Kriegszeiten als ein Jung, ohngefähr von 12-13 Jahren alt von Eltern und Geschwistern verjagt worden ist; dass der Geschwister sollen deren acht gewesen sein, hat aber keines mehr dass andere gesehen. Ist also mein seliger Grossvater nach Mürstadt kommen und vor eines Schreiners Haus ein Almosen begehrt, welcher Mann ihn gleich in die Lehre genommen und das Schreinerhandwerk gelernt. Von da ist er nach Sachsen gereist seine Wanderschaft zu vollbringen und ist wegen der noch anhaltenden Kriegsgefahr nach Schweinfurt kommen und sich da in Arbeit begeben und sich auch zum Meisterrecht begeben.«  (Anm.: Gesch. d. Fam. Voit, S. 6.)

Abb. 9: Kommode, Johann Benedict Voit (1713-1795), Signatur vom 20. 
Dezember 1777; Schloß Castell
Abb. 9: Kommode, Johann Benedict Voit (1713-1795), Signatur vom 20. Dezember 1777; Schloß Castell

Der Enkel des H.J. Voit, Johann Rudolf Voit (28.4. 1695 bis 13.1.1786) war der Begründer eines Familienzweiges, der Orgelbauer und Instrumentenmacher von Bedeutung hervorbrachte. Von einem unbekannten Lehrmeister wurde er im Orgelbau unterrichtet, und es sind 25 Arbeiten von ihm nachgewiesen.  (Anm.: Fischer und Wohnhaaf: Orgeln in Unterfranken. München, S. 315.) Aus seiner dritten Ehe stammt ein Sohn namens Johann Michael Voit (7.11.1744 bis 27.8.1819), der als Meister in die Schweinfurter Schreinerzunft aufgenommen wurde und die Orgelbauwerkstatt übernahm. Von ihm sind ebenfalls 25 Arbeiten bekannt.  (Anm.: Orgeln in Unterfranken, S. 385.) Johann Michael hatte vier Söhne. Der älteste, Johann Volkmar Voit (3.6.1772 bis 1806), wurde Orgelmacher wie sein Vater. Er ging nach Durlach und heiratete die Tochter des Georg Markus Stein  (Anm.: Georg Markus Stein war ein Vetter von Johann Andreas Stein (1728 - 1792), einem bedeuten den Klavierbauer, der bei dem Straßburger Orgelbauer Johann Andreas Silbermann gearbeitet hat. Die Tochter von Johann Andreas Stein, Annemarie (1768 - 1833), hat sich als einer der führenden Klavierbauer in Wien etabliert und ist besser unter dem Namen Nanette Streicher bekannt. Aus: The Makers of the Harpsichord and Clavichord, by Donald Boalch. Oxford 1974, S. 170 f.) , der hier 1770 eine Orgelfabrik gegründet hatte, und wurde des sein Nachfolger.  (Anm.: Orgeln in Unterfranken, S. 315.) Diese Linie setzt sich noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts fort. Der zweite Sohn des Johann Michael Voit war Carl Friedrich Voit (5.5.1774 bis 20.3.1854), ebenfalls ein Innovator im Instrumentenbau. Er baute Clavichorde und entwickelte schon um 1820 das Aeolodikon (griech. Aeolus = Wind), einen Vorläufer des Harmoniums.  (Anm.: Orgeln in Unterfranken, S. 315. ) Eines der bedeutendsten Mitglieder der Familie war der ältere Bruder des Georg Friedrich, Johann Benedict Voit (31.5.1713 bis 31.1.1795), der sich als Ebenist und Bildnismaler einen Namen gemacht hat.  (Anm.: Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler, U.Thieme und F. Becker. Leipzig 1940, Bd. 34, S. 516. ) Nach der Lehre ging er auf Wanderschaft, die ihn für längere Aufenthalte nach Frankfurt a.M., Stuttgart, Mannheim, Regensburg, Augsburg und Nürnberg führte, Er unterschied sich von den anderen Voits durch seine ausgeprägten künstlerischen Talente. In der Literatur fand sich zu einer seiner Arbeiten der folgende Hinweis: »... Als signierte und datierte Möbel ein besonderer Glücksfall sind zwei vierschubige Kommoden in Schloß Castell (Abb. 9), die mit den Wappen der Grafen, späteren Fürsten zu Castell geziert sind. Die Marketerie der Platte erinnert in ihrem Naturalismus und ihrer Farbigkeit an Erfurter Möbel (Abb. 10). Vielleicht ist der Schweinfurter Meister Johann P. (!) Voit, der die Kommoden laut Signatur im Februar 1777 angefertigt hat, in Thüringen als wandernder Geselle tätig gewesen. Auch in der Datierung des Möbels nach 1770 finden sich Parallelen zu mitteldeutschen Möbeln der Zeit..«   (Anm.: Heinrich Kreisel: Die Kunst des deutschen Möbels. Bd. 2, München 1970, S. 318. )

Abb. 10: Detail der Marketerie eines Vorderstückes der Kommode von 
Abb. 9
Abb. 10: Detail der Marketerie eines Vorderstückes der Kommode von Abb. 9

Wie ich mich dank der freundlichen Unterstützung des Fürsten zu Castell-Castell selbst überzeugen konnte, sind die beiden Kommoden tatsächlich mit folgenden Worten signiert (Abb. 9): »Angefertigt von Johann Benedict Voit. Schreiner Meister in Schweinfurt. 20. Decembr 1777.« Seine Wanderjahre hatte Johann Benedict, wie die Chronik berichtet, »genutzt um seine Neigung zu Malerei und Architektur zu entwickeln.« Von einem reisenden Maler namens Schleier aus München bekam er »gründliche Anweisung im Porträtmalen und die Grundzüge der Freskomalerei gezeigt.«  (Anm.: Gesch. d. Fam. Voit, S. 31.) Er betrieb jetzt die Schreinerarbeiten weiter und fertigte außerdem viele Ölporträts, Miniaturmalereien und Fresken in Privathäusern. In der St. Johanniskirche zu Schweinfurt hat er die Brüstung des Chores mit biblischen Geschichten bemalt. Auch schuf er große und kleine Sonnenuhren.

Und so steht Johann Benedict Voit in der kunsthandwerklichen Tradition seiner Familie, gleichzeitig steht er für das langsam wieder bestimmend werdende Erbe der Antike und der Renaissance, deren Bildungsideal vom Menschen und Künstler er durch seine vielseitig ausgebildeten Fähigkeiten entspricht.